Bedrohliche Fremdheit – Japanische Gesänge

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Momentaufnahmen, subjektiv erlebt, flüchtig notiert, sind nichts weiter als winzige Ritzen, durch die wir die eigene Wirklichkeit erkennen. Im besten Fall erfährt der Reisende in der Fremde etwas mehr über sich selbst. Ich kann gar nichts sagen, weder über Musik noch über dieses liebenswerte Land Japan, in dem sich die Herzen so vieler Reisender öffnen. Erleben ist immer subjektiv, und eine Vielzahl anderer Erlebnisweisen ist möglich.

 5. Juli 2017. Tsukuba, Japan. Weltkongress für Musiktherapie. Festliche Einführungsveranstaltung. Freundliche Grußworte, dann tritt eine traditionelle japanische Combo auf die Bühne. Endlich Musik! Etwa zehn Musiker/ -innen sitzen ordentlich aufgereiht auf der Bühne, Blick ins Publikum, in ihrer Mitte eine kleine zierliche Dame in blauem Gewand. Erwartungsfrohe Stimmung. Trommeln. Urplötzlich ein – ja was denn? – schriller, archaischer Schrei, ein helles Dröhnen, die zierliche Frau hat den Mund geöffnet, eine hohe Kinderstimme blastert, mit der Kraft 12 röhrender Hirsche, in den Raum, trifft mich, als gelte es mir persönlich, mitten ins Gefühl. Solarplexus. Shut down. Erstaunen pur. Alle meine emotionalen Erwartungen – Gesang!? – zerplatzen in einer Supernova, lösen sich auf in einem Gewitter aus Fremdheit.

Der Ton scheint tief aus der Erde unter Tsukuba zu kommen, ein nie vorher gehörter vulkanischer Ton, für den mir die Begriffe, die Worte fehlen. Schlagartig wird mir bewusst, wie vollkommen subjektiv und kulturell vorgeprägt meine Hörweise ist, und welche Vielzahl anderer Hörweisen es geben muss, die ich nicht kenne. Ich jedenfalls höre einen gurgelnden, rollenden, donnernden und schmerzgetränkten Laut, ein mächtiges kindliches Brüllen voller archaischer Aggression.

Dieses „Gebrüll“, diese Musik ist so, klingt so fremd! Begrüßt man so Gäste? Da haben sie uns freundlich eingeladen, und jetzt zeigen sie uns, was sie mit uns machen könnten, wenn wir nicht brav sind, schießt mir durchs Hirn, im Kopf die Bilder japanischer Armeen, Pearl Harbour, das Nanjing-Massaker.
Applaus, eher verhalten. Die kleine blaue Dame springt auf – diese Bewegungen, so elegant, präzise und leicht, wie machen sie das nur – lächelt, die Stimmung komplett gedreht, lacht strahlend, animiert ein Liedchen zum Mitsingen, der Saal entspannt sich, Freude und Harmonie erfüllen den Raum. Die zierliche Dame sagt, in beiden Liedern gehe es um Harmonie, Frieden und Zusammenarbeit. Großer Schlussapplaus. Die Performance hinterlässt mich befremdet, verwirrt. Lost in Astonishment.

Gut, Missverstehen und Verwirrung bilden im interkulturellen Kontakt die Regel. Aber diesen kurzen Moment der Fremdheit erlebte ich als, ich zögere, das Wort zu benutzen, extrem bedrohlich. Eine starke musikalische Erfahrung. Eine Erfahrung, die ich so vielleicht nur in der Musik – die sich für mich nicht wie „Musik“ anfühlte – machen konnte.

Ich bin dankbar für diese Erfahrung. Fremdheit hat so viele emotionale Facetten, aber sie kann auch bedrohlich wirken. Ich bilde mir ein, etwas besser zu verstehen, wie es Menschen, die jetzt zu uns flüchten, manchmal unter uns ergeht. Bedrohliche Fremdheit. Natürlich ähneln sich Menschen. Wir sind uns ähnlicher, als wir vermuten. Aber neigen wir nicht (jedenfalls viele von uns) in unserem Bemühen um Verständigung und Harmonie, mit den besten Absichten, zum Verniedlichen kultureller Unterschiede? Könnte es sein, dass Nicht-wahr-haben-wollen und Verniedlichen von Unterschieden das Gegenteil dessen hervorbringen, was wir erträumen? Die Gräben der Fremdheit unter den Menschen sind tief, und je näher wir uns kennenlernen, desto deutlicher erkennen wir, wie wenig wir voneinander verstehen. Unterschätzen wir die Herausforderungen, die echter Kontakt und nachhaltiger Austausch mit sich bringen? Was bedeutet das in einer Welt, die immer näher zusammenrückt. Musik könnte ein verbindender Rahmen sein, in dem wir Unterschiede erleben und zulassen können.

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