Leichter Sinn für das Allerschwerste (Philipp Ruch)

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Philipp Ruch ist Philosoph und schreibt (ZEITMAGAZIN NR. 43/201817. OKTOBER 2018):

In Platons Politeia findet sich ein Satz, der mich immer wieder aufs Neue beeindruckt: „Denn alles Große verfällt leicht, und das Schöne ist in der Tat schwer, wie man sagt.“ In Anlehnung an dieses offenbar alltägliche Sprichwort im antiken Athen, das uns nur über die Politeia überliefert ist, lässt sich vielleicht etwas über den leichten Sinn sagen: Das Schwere leicht aussehen zu lassen, um eine Gesellschaft zu verzaubern, zu verstören oder zu inspirieren, scheint Teil einer Kontur zu sein, die die meisten künstlerischen Werke und Arbeiten, Inszenierungen, Musikstücke und Kinofilme durchzieht. Ohne diesen leichten Sinn für das Allerschwerste, das wahrlich Unmögliche, gäbe es Kunst vielleicht nicht. Die Kunst als Politik des leichten Sinnes für das Unmögliche.

Bildlich muss ich da zuallererst an unseren einsamen Drucker denken, der am Gezi-Park aus einem Hotel heraus über 1000 Flugblätter in ein autokratisches Regime hineingedruckt hat, per Cloud-Print. Wir haben ihn dort aufgestellt, im Gedenken an den 75. Todestag der Geschwister Scholl, und ihn mit erhöhter Papierzufuhr versehen, sodass er jene Blätter auf die Straße druckt, auf denen zum Sturz des Regimes aufgerufen wurde. Dieses leichte Segeln, dieser angelehnte Drucker, der simple Akt – das alles führt den Beweis, dass so etwas „Leichtes“ wie ein Flugblatt in einer Diktatur wie eine Explosion wirken kann. Das Schwere, der Drahtseilakt, das alles sieht hier so leicht aus. Es ist aller Angst, allen Schweißes und aller Mühen entkleidet, die bei vielen Menschen ein ganzes Jahr eingenommen haben.