Die „wiedergefundene Zeit“ (Felwine Sarr)

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„Diese Zeit könnte eine wiedergefundene Zeit sein“ schreibt der Senegalese Felwine Sarr in den Zeiten der Pandemie. „Aber sie belastet der Schrecken, mit dem Unbekannten leben zu müssen, das vor uns liegt. Wir haben uns angewöhnt, die Zukunft zu belehnen. Die künftige Zeit zu planen. Die unter uns, die im Wirbel einer globalisierten, hypermobilen Zeit leben, wir waren es gewohnt, unsere Agenda auf Monate hinaus vollzupacken. Wir wussten, was wir den kommenden Winter und Frühling machen würden.

Für die Mehrheit war das Morgen immer gefärbt von Ungewissheit

Wir haben das Unerwartete ausgemustert, gewappnet mit einer Psychologie des Etablierten, einer Zeit, die geordnet wird von Zielen und Zwecken, vom Lieferbaren. Wir lebten in dieser Zeit des Kapitalismus, ausgerichtet auf immer größere Produktivität, besessen, die größtmögliche Zahl von Aktionen gleichzeitig auszuführen. Die Zeit okkupieren, bis zum Gehtnichtmehr. Für andere, und das ist die Mehrheit, war das Morgen immer gefärbt von Ungewissheit. Es brachte seinen Teil an Herausforderungen und plötzlichen Engpässen, manchmal Überraschungen und Tröstungen. Die ungewissen Zukunftstage, man lernte und wusste mit ihnen zurechtzukommen. Man zähmte die Zeit durch eine Runde Tee, durch das Netz einer Unterhaltung, die sie in einen Ort gehobener Qualität veredelte.

Wenn der Schraubstock demnächst wieder gelockert ist, was werden wir dann machen mit dieser wiedergefundenen Zeit? Dieser Moment verpflichtet uns, die Zukunft von Projekten freizumachen, sie zu de-projizieren, sie geschehen zu lassen. Sie zwingt uns, bei uns selber zu bleiben. Innerlich eine Präsenz zu entwickeln und diese sich offenbaren zu lassen, was gewöhnlich abgewürgt wird durch Hyperaktivität und den Lärm draußen…So setzt sich in einem all das durch, was Zeit, Latenz und Dauer braucht, um hervorzukommen…“

 

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