Psychotherapie ist ein Kind der Freiheit

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Psychotherapie ist ein Kind der Freiheit

Von Jan Bleckwedel

Alles zu sehen, bedeutet eine ganz andere Verantwortung für die Welt, weil es offensichtlich wird, dass die Geste ‚hier’ mit der Geste ‚dort’ verbunden ist, dass eine Entscheidung, die in einem Teil der Welt getroffen wird, Auswirkungen in einem anderen ihrer Teile haben wird…

(Olga Tokarczuk, Nobelpreisrede 2019)

Wohl tun wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit nie – auch sogar am Thron – nicht verleugnen.

(Beethoven, Tagebucheintrag, 1793)

Die mich kennen, wissen von meiner Begeisterung für das Unterrichten in Beijing und Shanghai. Im November 2019 habe ich trotzdem eine für 2020/21 geplante Fortbildung in Beijing abgesagt, noch vor der weltweiten Pandemie. Warum?

(A) Ich kann verantwortlich Psychotherapie (Beratung, Supervision) nur unterrichten, wenn ich die grundlegenden Rahmenbedingungen und Standards betone, die Therapie erst möglich machen. Dabei handelt es sich um international (und bisher auch in China), anerkannte fachliche Standards und ethische Regeln, die für mich als Richtschnur und Leitlinie universell gültig sind (unabhängig von ihrer jeweiligen tatsächlichen Konkretisierung). Von offizieller chinesischer Regierungsseite werden diese Standards und Regeln, und die damit verbundenen Werte, gegenwärtig nicht nur verletzt sondern ideologisch offensiv in Frage gestellt. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in China gibt nachweislich Anlass zu erheblichen Zweifeln, ob die üblichen Regeln und Standards tatsächlich eingehalten werden, oder eingehalten werden können. Anders formuliert, es besteht der begründete Verdacht, dass Therapie als Mittel der Manipulation eingesetzt wird oder werden kann, und dass die Autonomie von Klientensystemen und der notwendige Schutz intimer Daten (Verschwiegenheitsverpflichtung) nicht ausreichend gewährleistet sind. 
Im Kern geht es hier um grundlegende Werte und gesellschaftspolitische Modelle. Die Entwicklung fachlicher und ethischer Standards in der modernen Psychotherapie seit Freud ist eng verknüpft mit der Entwicklung demokratischer Gesellschaftsformen, Prinzipien und Institutionen in Europa. Die Entwicklung der Psychotherapie kann nicht losgelöst von diesen KONTEXTEN betrachtet, also auch nicht unterrichtet werden. 
(B) Die Mindestanforderung an ein Unterrichten in China besteht für mich darin, dass Probleme und Konflikte, die sich aus unterschiedlichen Vorstellungen über Werte und Gesellschaftsformen, und damit auch Standards und Rahmenbedingungen, ergeben, offen und frei gesprochen werden können. Ich muss klar sagen können, dass in meiner Welt – ganz konkret in meiner psychotherapeutischen Praxis und Lehre – eine Zensur nicht stattfindet und die Würde des Menschen unantastbar ist. Über unterschiedliche Werte und Modelle kann und muss diskutiert werden, aber das Eintreten für Werte, von denen ich überzeugt bin, ist für mich eine Frage der Selbstbehauptung und Selbstachtung.
(C) Nach übereinstimmenden Aussagen und Informationen ist es unter den aktuellen politischen Bedingungen gegenwärtig kaum möglich, die oben genannten Themen offen und öffentlich anzusprechen, ohne Kolleginnen beruflich und persönlich zu gefährden.

In der Konsequenz werde ich daher vorläufig nicht mehr in China unterrichten können. Psychotherapie ist ein Raum, der Klienten so gut es geht vor Manipulation und (erneuter) Verletzung schützt, und die vornehmste Aufgabe von Therapeut*innen besteht darin, diesen speziellen intersubjektiven Raum zu schützen. Als Wächter dieses Schutzraumes tragen wir als Psychotherapeuten und Lehrende eine hohe Verantwortung. Das gilt selbstverständlich auch für Ausbildungszusammenhänge, die nicht nur den Modellfall eines geschützten Raumes darstellen, sondern in denen eben die fachlichen Standards und ethischen Regeln vermittelt werden sollen, die diesen Raum schützen.

Trauer

Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Schmerz und Ambivalenz werden vielleicht am besten deutlich, wenn ich mit der Entdeckungsfreude, der Faszination und Leichtigkeit des Anfangs beginne.Im Jahr 2012 wurden wir eingeladen, im Rahmen einer DCAP-Weiterbildung in Shanghai und Beijing zu unterrichten. Wir kamen, ohne Illusionen über die jüngere Geschichte Chinas und die politischen Verhältnisse, in ein boomendes und gleichzeitig sich weit öffnendes Land. Wir erlebten ein Aufblühen der Zivilgesellschaft, eine ungeheure Austauschfreude. Das Interesse, die Wissbegier, die Emotionalität, das Lachen, der Humor, die Gastlichkeit, die Buntheit, die Schönheit und Tiefe und Fremdheit der Kultur, die atemberaubende Dynamik der  Gesellschaft, die Weisheit der Gärten und natürlich das Essen – alles war überwältigend. Wir konnten uns frei bewegen und unterrichten, was wir wollten. Das gemeinsame transkulturelle Lernen bereitete allen Kolleg*innen große Freude. Trotz oder gerade wegen der besonderen Herausforderungen. Mich faszinierte die Möglichkeit, sich im Rahmen von gegenseitigem Respekt und Vertrauen auf fachlicher Basis zwischen den Welten auszutauschen und voneinander zu lernen. Ein transkulturelles Abenteuer, das ich schmerzlich vermissen werde.

Doch spätestens seit 2018 verdichteten sich die Anzeichen einer radikalen Veränderung der politischen Verhältnisse in China. Der Umgang mit der Volksgruppe der Uiguren in Xinjiang (China Cables[i]) und das Vorgehen gegen Hongkong sind nur die sichtbarsten Zeichen einer Diktatur neuen Typs (Kai Strittmatter (2018), Die Neuerfindung der Diktatur). Der Totalitarismus (Hannah Arendt (1955), Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) erhebt sein Haupt und die gesellschaftliche Entwicklung trägt deutliche Züge dessen, was Umberto Eco (2020, Der ewige Faschismus, editiert von Roberto Saviano)  als ewigen Faschismus beschrieben hat.

Die Berichte von Zeitzeugen (Jede Menge Youtube-Videos, Berichte und Reportagen, u.a. von Kai Strittmatter, Lea Deubner oder Pascal Nufer, aber auch von vielen anderen) sind bedrückend.

Einige Fakten

Die FAKTEN sind erdrückend klar: Xi Jinping hat in kurzer Zeit alle Macht an sich gerissen und die Macht der KP restauriert. Xi ist, als »oberster Führer des Volkes«, zugleich Generalsekretär der KP, Staatspräsident und mächtiger Vorsitzender der zentralen Militärkommission, seit 2018 auf unbestimmte Zeit! Damit übertrifft Xi selbst Mao an Macht. Um Xi ist ein neuer Personenkult entstanden, der in der Öffnungszeit verpönt war. Das Xi-Regime errichtet seit 2013 auf der Basis künstlicher Intelligenz eine Diktatur neuen Typs (totale digitale Zensur, Sozialkreditsystem). Ein totalitäres Herrschaftssystem und Gesellschaftsmodell, das im Kern von einer grandiosen Vision, dem „chinesischen Traum“ (Xi), zusammengehalten wird: China, das alte „Reich der Mitte“, soll im 21. Jahrhundert die Weltherrschaft übernehmen, und zwar keineswegs nur ökonomisch, sondern auch politisch, technologisch und ideologisch (2020 wird die Planerreichung von Xi für das Jahr 2035 anvisiert) . Dieses strategische Ziel wird mit allen Mitteln[1] verfolgt. Kommunikativ agiert das Xi-Regime mit gespaltener Zunge: International fordert Xi „Konfliktlösung durch Dialog“, in Xinjiang setzt er „alle Mittel der Diktatur“ ein und fordert dazu auf, „absolut keinerlei Gnade zu zeigen“ (Gulbahar Haitiwaji hat über den chinesischen Gulag ein erschütterndes Buch geschrieben).  und  Das Regime agiert zunehmend (a) repressiv und manipulativ nach Innen[2] und (b) aggressiv und imperial nach Außen[3] (Anmerkungen am Ende des Textes[ii]). Vor allem anderen fordert das Regime unbedingte Loyalität ein, und zwar gegenüber China, der KP und Xi, die in eins gesetzt werden. Das geschieht nicht nur gegenüber den Bürgern des eigenen Landes, sondern weltweit. Das neue „Sicherheitsgesetzt“ Hongkongs bedroht jeden Erdenbürger, der sich gegenüber der Politik Chinas kritisch und „feindlich“[4] äußert, mit Gefängnis, wenn er den Boden Hongkongs betritt.  Die Partei indoktriniert ihre Bürger[5], und jede Kritik an der Propaganda des Regimes wird mit aller Macht bekämpft und niedergeschlagen[6]. Niemand, kein Tycoon und keine Blogger*in soll sich sicher fühlen. Das Vorgehen des chinesischen Staatsapparates in Xinjiang ist kein „Ausreißer“, sondern illustriert das ideologische Umerziehungprogramm. Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um einzelne, isolierte Maßnahmen, sondern um die strategische Planung und Durchsetzung eines megalomanen politischen Projektes, beschrieben von Autor Xi im sogenannten Dokument Nr.9 von 2013 .

Politik oder Kultur? 

Natürlich gibt es in der politischen Entwicklung Chinas kulturelle und historische Aspekte, die Nichtchinesen nur schwer verstehen. Und doch handelt es sich offensichtlich um ein primär politisches Projekt, und keineswegs, wie von einigen „Chinakennern“ gerne suggeriert oder behauptet, um eine chinatypische „kulturelle Entwicklung« die wir nur besser „verstehen“ müss(t)en, um sie dann akzeptieren zu können. Verstehen ist das eine, Die Preisgabe eigener Werte und Überzeugungen ist etwas ganz anderes.

Wer kulturalistisch, mit „chinesischer Kultur“ oder gar „Volkscharakter“, argumentiert, der verdunkelt und versimpelt die chinesische Geschichte[7] und die Geschichte der KP-Chinas. Wer so argumentiert, der verhöhnt die Opfer der Kulturrevolution ein zweites Mal und ebenso die Oppositionellen, die heute in den Gefängnissen schmoren oder wie Ai Weiwei im Exil leben müssen. Wer so argumentiert, der verleugnet die Millionen von Chinesen, die 1989 monatelang für Demokratie und Menschenrechte auf die Straßen gingen, tritt die Opfer des Massaker auf dem Tiananmen-Platz mit Füßen (Demokratiebewegung: poetisch erzählt in dem großen Roman von Madeleine Thien (2017), Sag nicht, wir hätten gar nichts). Wer so argumentiert, der ignoriert 90 % Prozent der Bevölkerung Hongkongs, die noch 2019 Kandidat*innen wählten, die sich für Demokratie und Menschenrechte aussprachen. Wer so argumentiert, der nimmt die erstaunliche demokratische Entwicklung Taiwans nicht zur Kenntnis[8].

Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man sprechen.

Das Monströse ist immer menschengemacht. Ob es um Familienstrukturen, Kirchenstrukturen, Schulstrukturen, Organisationen oder staatliche Strukturen geht, alle, wirklich alle, Untersuchungen zu diesem Thema verweisen auf vier herausragende kulturübergreifende Milieufaktoren, die ein erheblich erhöhtes Risiko für den Missbrauch von Macht und Gewalt darstellen: (a) Strikte und starre Hierarchien und damit verbundene Loyalitätsbindungen, (b) Abschottung nach Außen und „Omerta“ (ein Verschwiegenheitsgebot und eine Verschwiegenheitsmentalität, die Täter schützt und Opfer einschüchtert), (c) großes Machtgefälle innerhalb der Hierarchien, und (d) personale Überhöhung von Funktionsträgern, die angeblich einen „besonderen“ Zugang zu etwas „Höherem“/Heiligen/einem Ideal besitzen (Götter, höhere Weisheiten, Wille des Volkes, Wille des Proletariats…). Gemeinschaften oder Milieus, die sich auf die beschriebene Weise organisieren, bergen – egal in welcher Kultur, an welchem Ort oder zu welcher Zeit – ein erhöhtes Risiko  für den Missbrauch von Macht und Gewalt (gewaltsame körperliche, mentale oder psychische Übergriffe), sowohl gegenüber Einzelnen als auch gegenüber Gruppen oder ganzen Gemeinschaften.

Freies Denken und Sprechen – für Psychotherapie unverzichtbar

Der chinesische Macht-und Staatsapparat errichtet gegenwärtig in allen Bereichen Strukturen der totalen Überwachung, Herrschaft und Kontrolle, die den Missbrauch von Macht und Gewalt zumindest begünstigen (Anmerkung[iii]). Das betrifft selbstverständlich auch alle Bereiche der Gesundheit und der Gesundheitspolitik, und damit die Psychotherapie (Vgl. konkret dazu u.a.: ChinaDepression1, ChinaDepression2.). Wir kennen das aus unserer eigenen, der deutschen Geschichte, Macht kann im Sinne eines „übergeordneten Guten“ pervers und grausam missbraucht werden. Uwe Timm hat diese Möglichkeit zur Perversion in seinem Roman Ikarien (2017) über den Eugeniker und Begründer der deutschen Rassenhygiene, Alfred Ploetz, poetisch meisterlich dargestellt. Können wir so tun, als sei da nichts und sei da nichts gewesen?

Die oben skizzierte Entwicklung bildet den Kontext des Unterrichtens in China, und es gilt: alle Kommunikation ist kontextabhängig. Alles, was ich tue und nicht tue, sage und nicht sage, verändert sich in seiner Bedeutung durch den Kontext[11]. Die politische Entwicklung in China wirft daher grundlegende fachliche und ethische Fragen auf, denen kein Therapeut, keine therapeutische Vereinigung ausweichen kann.[9] Die Entwicklung kann nicht einfach ignoriert, beschönigt, verschwiegen oder beschwiegen[10] werden, ohne gegen die eigenen Werte und Prinzipien zu verstoßen.

Die moderne Psychotherapie – mit ihren fachlichen Standards und ethischen Grundsätzen – ist zweifellos ein Kind der persönlichen Freiheit. Psychotherapie konstituiert und gestaltet einen wohl geschützten intersubjektiven Raum, der freies Denken, Fühlen und Sprechen ohne Tabus ermöglichen soll. Es ist kein Zufall, dass Fragen, wie ein solcher Raum „hergestellt“ werden kann, im Zentrum aller fachlichen und ethischen Überlegungen stehen. Ein Rahmen aus Freiwilligkeit, gegenseitigem Respekt, Vertrauen, Wertschätzung und Vertraulichkeit ist unverzichtbar, um Klienten vor (weiteren) Schädigungen, Vertrauensbrüchen, Missbrauch von Macht oder unzulässiger Manipulation zu schützen[12]. Dafür tragen Therapeuten/-innen in Praxis und Ausbildung eine besondere Verantwortung. Es mag sein, dass es einen Weg gibt, ich selbst aber wüsste nicht, wie ich dieser Verantwortung gegenwärtig in China gerecht werden könnte[iv].

In meiner Welt sind freies Denken und Sprechen persönlich und gesellschaftlich so wichtig wie Atmen. Die Würde des Menschen ist unantastbar und eine Zensur findet nicht statt, diese Sätze gehören zusammen. Wenn wir sie anderen zumuten, die nicht so denken und sprechen wollen, oder können oder dürfen, dann ist das kein Akt kultureller Überheblichkeit, sondern ein Akt menschlicher Solidarität.

P.S.

Ich bin wütend auf das Regime und ich bin traurig über den Verlust meines Traumes, in China zu unterrichten. Vor allem bin ich unendlich dankbar für das Glück der transkulturellen menschlichen Erfahrung, die ich im Kontakt mit chinesischen Menschen machen durfte. Wir sind nicht so anders, wie wir manchmal denken, wir alle, homo sapiens, streben nach Wohlbefinden und Gerechtigkeit, und wir sehnen uns nach Freiheit.

Anmerkungen

[1] Die Geschichte zeigt: Bei der Verfolgung von Zielen war die KP-Chinas noch nie „zimperlich“.

[2] KI-unterstützte Zensur und absolute Kontrolle, Sozialkredit-Systeme, massive Propaganda und Manipulation, Unterdrückung abweichender Meinungen, Fernseh-Pranger, Kerker, Gehirnwäsche, kultureller Genozid in Xinjiang

[3] Nationaler Chauvinismus, militärische Aufrüstung, Auslandsinvestitionen in Verbindung mit Schuldendienst, Export des totalitär-harmonisierenden Gesellschaftsmodells („Der chinesische Weg“), weltweite Durchsetzung des Geschichts- und Weltbildes der KP-Chinas unter Androhung von Zensur und Bestrafung.

[4] Was im Prinzip „alles“ sein kann, zum Beispiel diese Äußerung in meinem Blog

[5] Auf dem ideologischen Schulungsplan der KP: Nationaler „Patriotismus“, die „Xi Jinping Gedanken“ und die „zwölf sozialistischen Kerntugenden“.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda_in_der_Volksrepublik_China

[7] In Shanghai gibt es ein jüdisches Museum. Es dokumentiert, mit welcher Gastfreundschaft und Großzügigkeit Chinesen europäische Juden auf der Flucht vor dem deutschen Faschismus aufnahmen und Schutz gewährten, obwohl sie selbst unter der grausamen japanischen Besatzung litten!

[8] An diesem Beispiel wird nur deutlich, wie »Kultursensibilität« zur politischen Gegenaufklärung werden kann. It’s politics, not cultur, stupid. Nein, so sind »die Chinesen« nicht! Gerade uns Deutschen müsste doch der heillose Unfug einer solchen Argumentation sofort auffallen.

[9]          Fakten, die in der »freien Welt« für alle, die es wollen, leicht zugänglich und überprüfbar sind.

[10] Damit haben wir Deutschen nun wirklich Erfahrung, und es gibt eine Menge guter Literatur über die Frage, wie sich ein solches Beschweigen auswirkt; z.B. Jürgen Müller-Hohagen (2005).  Verleugnet, verdrängt, verschwiegen: Seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung.

[11] Die Geschichte der Psychotherapie im deutschen Faschismus ist dafür ein lehrreiches Beispiel. Zur Geschichte des „Göring Instituts“ vgl.: Karen Brecht, Volker Friedrich, Ludger M. Hermanns, Isidor J. Kaminer, Dierk H. Juelich (Hrsg.): „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Art weiter …“ Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. 2., verbesserte Auflage. Michael Kellner, Hamburg 1985, ISBN 3-922035-98-1.

[12] Vgl. dazu Bleckwedel, J. „Supervision als praktizierte Ethik“. Unveröffentliches Manuskript.

[i] Die chinesische Regierung verstößt gegen elementare Menschenrechte und versucht die Kultur der Uiguren auszulöschen: https://de.wikipedia.org/wiki/China_Cables, siehe auch: https://www.arte.tv/de/videos/083310-000-A/ueberwacht-sieben-milliarden-im-visier/. Ein klarer Bruch der chinesischen Verfassung: Art. 4.: Alle Nationalitäten in der Volksrepublik China sind gleichberechtigt. Der Staat schützt die legitimen Rechte und Interessen der nationalen Minderheiten und erhält und entwickelt die Beziehungen der Gleichberechtigung, der Einheit und des gegenseitigen Beistandes unter allen Nationalitäten Chinas. Die Diskriminierung und Unterdrückung jeglicher Nationalität sind verboten, desgleichen jede Handlung, die die Einheit der Nationalitäten untergräbt oder ihre Spaltung betreibt. In Übereinstimmung mit den Besonderheiten und Bedürfnissen der verschiedenen nationalen Minderheiten verhilft der Staat den von den nationalen Minderheiten bewohnten Gebieten zur beschleunigten Entwicklung ihrer Wirtschaft und Kultur. In den Gebieten, in denen nationale Minderheiten in geschlossenen Gemeinschaften leben, wird regionale Autonomie praktiziert; in jedem dieser Gebiete werden Selbstverwaltungsorgane zur Ausübung der Autonomie eingerichtet. Alle Regionen mit nationaler Autonomie sind untrennbare Bestandteile der Volksrepublik China. 

Allen Nationalitäten steht es frei, ihre eigene Sprache und Schrift anzuwenden und zu entwickeln; es steht ihnen frei, ihre Sitten und Gebräuche beizubehalten oder zu reformieren.

 

  • [ii] Das „Dokument Nr 9“ (2013) wurde, entgegen allen andersartigen Hoffnungen, in atemberaubender Geschwindigkeit umgestzt[ii]. Stichworte: Der „chinesische Traum“, der eine Linie zieht vom ersten Kaiserreich, über das Reich der Mitte bis hin zu einem modernen weltbeherrschenden chinesischen Imperium (Anspruch auf Weltherrschaft) / Propagierung und offensive Durchsetzung des chinesischen Gesellschaftsmodels („Sozialismus chinesischer Prägung“, „Der chinesische Weg“), das allen westlich-demokratischen Modellen überlegen sei /  „Sozialistische Kernwerte“, die in einem unversöhnlichen Gegensatz zu „westlichen Werten“ stehen (sollen) / Der absolute Führungsanspruch der KP im Denken (Mao-Deng-Xi-Gedanken[ii]), Fühlen und Handeln ; also in Miltär, Staat, Wissenschaft, Kultur, Bildung, Medien und allen anderen Lebensbereichen (siehe dazu die Gleichschaltungs- Beschlüsse des 19. Parteitags 2018) / Die Entgegensetzung 2er Wege/Linien im politischen Bereich: Alle Macht der Partei und der Führung (der chinesische Weg) versus Gewaltenteilung plus Checks and Balance (der »Irrweg« westlicher Demokratien) / Die vollkommene Beherrschung des Internets und der digitalen Kommunikation durch KI-gestützte Überwachung, Kontrolle, Zensur und „positive Kommunikation“ im Sinne von KP und Staatsführung/ Die Einschüchterung kritischer Stimmen durch Kidnapping, stalinistische Verhörmethoden und „Geständnissen“ am TV-Pranger („Das Huhn schlachten, um den Affen Angst zu machen“) / Die Wahl Xi Jinpings zum lebenslänglichen Führer von „Allem“ auf dem 19. Parteitag der KP Chinas (2018), Start eines neuen Personenkults/ Beschluss von Gesetzen, die Kritik am „chinesichen Weg“ unter Strafe stellen („Beleidigung des chinesischen Volkes“).
  • Einführung eines KI-gestützten Sozialkreditsystems (auch: Soziales Bonitätssystem) ab 2020: die flächendeckende und lückenlose Unterscheidung zwischen Vertrauenswürdigen und Vertrauensbrechern sanktioniert alle Personen, die nicht „vertrauenswürdig“ sind. Das System soll im neuen chinesischen Gesellschaftsmodell „Stabilität und Harmonie“ herstellen und gewährleisten. Es ist ein Gegenmodell zu einer unabhängigen Justiz.
  • Von Dezember 2019 an bekommt nur noch einen Internet Anschluss oder eine Handynummer, wer zuvor sein Gesicht scannen lässt, zur Überprüfung der Identität. Die chinesische Regierung strebt eine lückenlose digitale Überwachung aller Bürger (und Personen, die sich im Land bewegen) und ihre Aktivitäten an, Mithilfe von Big Data und künstliche Intelligenz. Anonymität wird es einen solchen System nicht mehr geben. Jede online Aktivität (Zum Beispiel beim Banking, beim kaufen von Karten, oder bei schlichten Suchanfragen im Internet) kann in Bruchteilen von Sekunden einer Person zugeordnet werden. Die digitale Organisation des Alltags ist in China bereits weit fortgeschritten, überall wird mit dem Handy bezahlt, Universitäten kontrollieren per Gesichtserkennung, wer den Campus betritt und verlässt, und mit Hilfe eines landesweiten Netzwerkes aus 600 Millionen Kameras werden Menschen auf der Straße überwacht, oder können identifiziert werden, zum Beispiel wenn sie bei Rot über die Straße gehen oder gegen andere Verkehrsregeln verstoßen (In einigen Städten wenn sie „on time“ auf Bildschirm öffentlich angeprangert). Die chinesische Regierung wirbt weltweit für Konzept und Techniken , sie sollen zu einem Exportschlager werden. Eine jährliche Internet Konferenz ist diesem Thema gewidmet. Die digitale Überwachung hat bereits heute sehr analoge Konsequenzen: regelmäßig werden Menschen verhaftet, die sich gegenüber der Regierung kritisch geäußert haben oder sich für kritische Inhalte interessieren.

[iii] Zur Überwachung weltweit und in Xinjiang:

https://www.arte.tv/de/videos/083310-000-A/ueberwacht-sieben-milliarden-im-visier/

Zu Land und Leuten, Überwachung und Kontrolle vgl. auch die bewegende vierteilige Reisedokumentation „Mein anderes China“ von Pascal Nufer auf 3sat im AprilMai 2020: https://pressetreff.3sat.de/programm/dossier/mappe/showDossier/Special/mein-anderes-china-vierteilige-reisedoku-mit-srf-korrespondenten-pascal-nufer/

[iv] Ich mag das Land und die Leute sehr. Die bittere Wahrheit ist aber auch, wer in China unterrichtet, wird unweigerlich Teil eines umfassenden Systems zur Unterdrückung individueller Freiheiten und Rechte. Das politische System funktioniert (a) durch repressiv erzwungene, „freiwillige“ Verdrängung, Verleugnung und „Zurücknahme“ abweichender Meinungen und Gedanken, und (b) durch propagandistisch erzeugte Zustimmung zum „chinesischen Traum“. Mit anderen Worten: Die Ideologie der KP, das Bild, das die Partei von der Welt malt, durchdringt die Seelen der Menschen, es bestimmt, was und wie sie fühlen, und es beherrscht alle Kommunikationen. Das ist nicht gesund, aber wer das System und seinen Traum kritisiert, bringt sich selbst und andere in Gefahr.