Vergangenheitsabwehr (Hans-Dietmar Henke im Interview mit Willi Winkler)
Sie sprechen in Ihrem Buch nirgends von „Verdrängung“ der Vergangenheit, sondern führen den Begriff „Vergangenheitsabwehr“ ein. Das ist neu. Wir kennen „Vergangenheitspolitik“ bei Norbert Frei oder auch das berühmte „kommunikative Beschweigen“ Hermann Lübbes.
Bei der wissenschaftlichen Bemühung, Klarheit über den Umgang mit unserer Vergangenheit zu gewinnen, bezeichnet „Vergangenheitspolitik“ das frühe Roll-back der recht strengen alliierten Entnazifizierungsmaßnahmen durch die Adenauer-Regierung; das allgemeine „Beschweigen“ individueller NS-Belastung wurde als sozialpsychologische Voraussetzung der gesellschaftlichen Stabilisierung Westdeutschlands gesehen; zuvor beschrieb bereits Lutz Niethammer das Whitewashing selbst schwerstens Belasteter durch die Spruchkammern, die „Mitläuferfabriken“. Alle drei mieden dabei den gebräuchlichen und gesellschaftlich allgegenwärtigen Begriff der „Verdrängung“. Jahrzehnte später ist es an der Zeit, diesen bis heute dominierenden Großbegriff auszumustern.
Warum?
Weil er irreführend ist. Das allgemeine Verhaltensmuster nach 1945 ist keineswegs eine mehr oder weniger unbewusste „Verdrängung“ der Vergangenheit gewesen, sondern deren aktive Abwehr durch Nichtthematisierung, Verschleierung, Verharmlosung, Umdeutung oder Verleugnung: „Vergangenheitsabwehr“ eben. Die vernebelnde Rede von der Verdrängung ist eine Verharmlosung der tatsächlichen Haltung der damaligen Mehrheitsgesellschaft und selbst Indiz für die Vergangenheitsabwehr. Hunderttausende gewinnen aus den kürzlich freigeschalteten NS-Akten ja gerade die Erkenntnis, dass der sprichwörtlich gewordene Opa seine Zeit in der NSDAP oder der SS gar nicht „verdrängt“, sondern seine Enkel schlicht belogen hat.