Frieden ist ein großes Wort im Angesicht dieser Kriege

Veröffentlicht am Posted in Krieg&Frieden

Frieden ist ein großes Wort im Angesicht dieser Kriege
Gastbeitrag von Joana Osman, SZ, 30. September 2025, Die Schriftstellerin Joana Osman, Jahrgang 1982, ist Tochter eines Palästinensers und einer Deutschen. (Foto: Mica Zeiz)

Texte wie diesen schreibe ich nicht leichtfüßig und nie an einem Stück. Ich brauche lange, setze Wort für Wort vorsichtig wie Schritte auf unsicheren Boden. Jeder Satz kostet Kraft, weil ich weiß, wie schnell Sprache vereinnahmt werden kann. Besonders an Tagen wie diesen: Bald zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023, jenem Tag, der nicht nur das Leben zahlloser Menschen veränderte, sondern auch den Nahen Osten, Israel und Palästina – und weit darüber hinaus unsere Gegenwart. Nach der überraschenden Ankündigung aus Washington am Montag wächst nun eine leise Hoffnung auf ein Ende der Gewalt – wohlwissend, dass damit noch lange nicht von Frieden gesprochen werden kann, höchstens von einem (hoffentlich nicht nur vorübergehenden) Ende des Krieges. Echter Frieden ist ohne tiefgreifende politische Veränderungen nicht möglich, und davon ist in Donald Trumps Plan nichts zu sehen, denn der zielt eher auf eine Verwaltung des Elends ab.

Seit jenem Massaker der Hamas an Jüdinnen und Juden, das einen tiefen Riss durch unsere Gesellschaft gezogen hat, befindet sich Gaza in einem Massensterben. In den vergangenen Tagen, in denen im Hintergrund Diplomaten verhandelten, sprach das israelische Militär von einem breiten Bodeneinsatz „im Herzen von Gaza-Stadt“ – ein Euphemismus. Längst warnen internationale Organisationen nicht mehr nur, sie brüllen um Hilfe. Und sie zählen: Tote, Hungernde, Fliehende.

Nach UN-Angaben sind seit dem 7. Oktober über 63 700 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet worden; allein in der ersten Septemberwoche dieses Jahres waren es 571. Noch immer befinden sich 48 israelische Geiseln in Gaza. Israel geht davon aus, dass rund 20 von ihnen noch am Leben sein könnten. Ihre Chancen, die nächsten Tage, Wochen oder Monate zu überstehen, schwinden täglich – so wie die Überlebenschancen der Menschen im Gazastreifen, die unter Bomben, Hunger und Krankheit leiden. Unicef und WHO beschreiben die Zunahme der Unterernährung bei Kindern in einer Geschwindigkeit, die jedem Satz die Luft nimmt. Dass schnell etwas geschehen müsste, sehr schnell, erklärt sich von selbst – und natürlich könnte Trumps Deal Leben von Geiseln und Palästinensern retten.

Ich schreibe dies als Deutsch-Palästinenserin, und jeder dieser Sätze liegt mir wie Kies im Mund. In den vergangenen beiden Jahren wurde meine Identität zur Projektionsfläche: zwischen Fremdzuschreibungen, Erwartungshaltungen, Schuldzuweisungen. Ich verurteile das Massaker der Hamas – und ich verurteile eine Kriegsführung, die Zivilistinnen und Zivilisten massenhaft trifft und Hunger als Waffe einsetzt. Wer nicht beides zugleich verurteilen kann, hat sich gegen die Menschlichkeit entschieden. Es ist ein Krieg, gespeist aus einem toxischen Kreislauf von Rache und Vergeltung, der mit jeder Runde brutaler und verbrecherischer wurde. Inzwischen spricht eine UN-Kommission von Völkermord, Israel weist das zurück. Dass Juristinnen dieses Wort so deutlich in den Mund nehmen, sollte uns die Kehle zuschnüren – ganz egal, wo wir politisch stehen.

Die Verschiebung des Diskurses in Richtung Antihumanismus ist gesellschaftlicher und demokratischer Raubbau

Und doch reicht der Blick nicht nur nach Gaza. Auch andernorts brennt es: In den USA bastelt Trump an einer Autokratie. In der Ukraine tobt weiterhin der Krieg. Im Sudan eskaliert die Gewalt. Die Klimakrise verschärft alle Konflikte. Es ist, in einem Wort, eine Polykrise. Und viele von uns reagieren mit Müdigkeit und Rückzug – ein Zustand, der genau jenen dient, die spalten wollen.

Dabei wäre es gerade jetzt wichtiger denn je, wach und wachsam zu bleiben und, ja, auch wehrhaft. Wehrhaft gegenüber Hass und Hetze, gegenüber Intoleranz und Ignoranz. Denn die Verschiebung des Diskurses in Richtung Antihumanismus ist gesellschaftlicher und demokratischer Raubbau.

Vor mehr als zehn Jahren gründeten ein israelischer Grafikdesigner und ich eine Friedensbewegung, die Menschen aus dem gesamten Nahen Osten berührte: die Peace Factory. Einer unserer Slogans lautete: „Not ready to die in your war“. Israelis, Iranerinnen und Iraner, Palästinenserinnen und Palästinenser – zahlreiche Menschen schmückten ihre Facebook-Profilbilder mit diesem Slogan. Einige derer, die ich von damals kannte, sind heute nicht mehr am Leben, getötet in einem Krieg, den sie nicht wollten. Und während ich täglich meine Nachrichtenapps checke und verzweifelt versuche, mit Freunden und Bekannten aus Gaza, dem Westjordanland und Israel, aus Iran, Syrien und Libanon in Kontakt zu bleiben, wohlwissend, dass gerade meine palästinensischen Bekannten in höchster Lebensgefahr schweben – denke ich an den anderen Slogan, mit dem die Peace Factory viral ging: Ready to live in Peace.

In den vergangenen Jahren, spätestens seit Putins Überfall auf die Ukraine, haben wir viel über den Krieg gesprochen. Wir sprechen darüber, ob und wie und warum Krieg geführt werden muss oder nicht geführt werden soll. Wir sprechen über Verteidigung und den Wehretat. Wir sprechen über Verhältnismäßigkeit und Waffenlieferungen und wir sprechen in einer Art darüber, die in mir das Gefühl aufkommen lässt, dass wir alle uns längst auf eine bequeme, weil sehr theoretische Metaebene zurückgezogen haben, während das Leid der Menschen in Gaza und in der Ukraine unerträglich real ist.

Frieden schien ein (zu) großes Wort zu sein im Angesicht dieser Kriege. Und trotzdem müssen wir darüber sprechen, nicht trotz, sondern gerade im Angesicht der Kriege. Wir müssen über Frieden sprechen, damit der Krieg nicht gewinnt, uns als Gesellschaft nicht völlig korrumpiert. Auch wenn es sich komisch anfühlt: Wie leicht wird einem Naivität vorgehalten!

Und ja: Als Donald Trump am Montagabend vollmundig das Wort „Frieden“ in den Mund nahm, klang das für viele nach naiver Selbstüberschätzung. Ob er über die tiefere Bedeutung des Wortes nachgedacht hat, ist mehr als fraglich, denn seine Politik zielt in vielen Bereichen auf das genaue Gegenteil. Wie viele Menschen hat er eine falsche Vorstellung von „Frieden“. Denn Frieden, das ist nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg – wobei fürs Erste ein Waffenstillstand den Menschen in Gaza und Israel gerade schon mal sehr helfen würde. Doch genau das Beispiel des Nahostkonflikts zeigt ja: Gesellschaften können über kurze oder längere Zeitspannen „im Frieden“ leben – also ohne aktiv in einen Krieg eingebunden zu sein – und dennoch zutiefst unfriedlich sein.

Echter Frieden passiert nicht einfach so, wenn ein Krieg zu Ende geht

Die bloße Abwesenheit von Kampfhandlungen nennt man in der Fachsprache „negativen Frieden“. Es ist nicht mehr als ein Schweigen der Waffen. Echter, „positiver Frieden“ hingegen beinhaltet viel mehr: die aktive Beseitigung struktureller Gewalt wie etwa Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Dazu zählt auch die Beseitigung von kultureller Gewalt, also von gesellschaftlichen Haltungen und Normen, die Ungerechtigkeit und Ausgrenzung rechtfertigen oder fördern, wie etwa Rassismus oder Frauen- und LGBTQ*-Feindlichkeit.

Das zentrale Element des positiven Friedens ist also die Schaffung einer Gesellschaft, die auf gelebter Gerechtigkeit, sozialer und ökologischer Entwicklung, Freiheit und Demokratie basiert und die von allen Mitgliedern aktiv mitgestaltet wird. Damit ist echter, positiver Frieden nichts, was einfach so passiert, wenn ein Krieg zu Ende geht. Es ist vielmehr ein dynamischer Prozess. Man könnte auch sagen: Frieden ist ein Geisteszustand.

Natürlich können wir Kriege, etwa in Gaza, in der Ukraine oder im Sudan, nicht einfach von unseren Wohnzimmern aus beenden. Ebenso wenig können wir sie in Talkshows wegdiskutieren. Verbrechen gegen die Menschlichkeit lassen sich auch nicht durch „thoughts and prayers“ eliminieren. Aber wir können dafür sorgen, dass zumindest und zunächst unsere Gesellschaft eine friedlichere und gesündere wird. Und damit tragen wir indirekt dazu bei, dass auch andere Gesellschaften gesunden – denn eine Gesellschaft, die der Utopie des positiven Friedens zumindest in Teilen nahekommt, ist auch global sehr viel wirk- und handlungsmächtiger als eine, die sich in zersetzenden Grabenkämpfen und Scheindebatten verliert.

Es liegt also an uns, unsere Gesellschaft widerstandsfähiger gegen Hass, Hetze und Intoleranz zu machen – in drei Schritten: durch kompromisslose Klarheit im Benennen von Verbrechen und demokratiefeindlichen Ideologien, durch das konkrete Ausformulieren einer positiven Zukunftsvision für unsere Gesellschaft und schließlich durch aktive und internationale Vernetzung mit all jenen, die für Demokratie, Freiheit und Vielfalt einstehen.

Konkret sieht das so aus: Wir müssen lernen, Dinge beim Namen zu nennen – auch die Dinge, die uns schwer über die Lippen kommen. So müssen wir auch subtile Angriffe auf die Demokratie und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klar benennen, ohne etwas zu relativieren oder gar zu beschönigen, denn sonst würden wir in die Falle des Toleranzparadoxons fallen: Wer der Intoleranz zu lange mit bedingungsloser Toleranz begegnet, leistet ihr Vorschub – und wird irgendwann von ihr vereinnahmt.

Im zweiten Schritt sind wir gefordert, uns selbst klar dazu zu positionieren, wie wir künftig miteinander leben möchten. Spalterische Ideologien, die Ausgrenzung und Diskriminierung schüren, können wir nicht einfach verbieten, es reicht nicht einmal, nur ihre inhaltlichen Schwächen aufzuzeigen. Was wir brauchen, ist eine klare, positive und vor allem gemeinsame Vision einer starken und friedlichen Gesellschaft. Sprechen wir also nicht nur darüber, was in der Welt und in unserer Gesellschaft verkehrt läuft – sprechen wir auch darüber, was wir uns stattdessen wünschen.

Und schließlich müssen sich im dritten Schritt die Kräfte des Friedens vernetzen. Nicht nur regional oder überregional, sondern global. In jedem Winkel der Erde stehen Menschen für Frieden, Freiheit, Vielfalt: In Israel, wo Zehntausende für ein Ende des Krieges und Friedensgespräche auf die Straße gehen. In Gaza, wo mutige Frauen und Männer für einen Geiseldeal demonstrieren. In Iran bei der Freiheitsbewegung „Women, Life, Freedom“. Und in den zahlreichen Protestbewegungen für Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte überall auf der Welt: In den USA, in Georgien, in Russland und in vielen weiteren Ländern, in denen die Demokratie in akuter Gefahr ist – überall finden wir Menschen, die wie wir den Wunsch haben, einen echten, einen positiven Frieden zu gestalten und zu leben – genauso wie es überall Menschen gibt, die Demokratie, Vielfalt, Integration und Zusammenhalt zu torpedieren versuchen. Deren Narrativen von Hass und Ausgrenzung unsere Vision des positiven Friedens entgegenzusetzen, ist unsere dringlichste Aufgabe.

Frieden ist kein Deal, der man aushandelt, in dem man Freund wie Feind unter maximalem Druck zu Kompromissen nötigt, die in wenigen Wochen schon wieder bröckeln. Frieden ist kein fernes Ideal, das irgendwann am Ende aller Kriege auf uns wartet. Frieden ist eine Aufgabe, die uns hier und heute gestellt wird. Sie verlangt von uns Klarheit, Mut und die Bereitschaft, unsere humanitären und demokratischen Werte und Visionen gegen Zynismus, Intoleranz und Autoritarismus zu verteidigen. „Ready to live in Peace“ – dieser Satz klingt heute fast naiv. Und doch ist er vielleicht die radikalste – und zugleich hoffnungsvollste – Haltung, die wir einnehmen können: nicht bereit zu sein für den Krieg, aber jederzeit bereit für den Frieden. Auch und gerade in den Tagen rund um den 7. Oktober.

Joana Osman ist eine in München geborene deutsch-palästinensische Schriftstellerin und Dozentin. Sie studierte Amerikanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in München sowie Literacy Management in Freiburg und war 2012 Mitbegründerin der Friedensbewegung „The Peace Factory“.Bearbeiten

Der ewige Faschismus (Umberto Eco)

Veröffentlicht am Posted in Krieg&Frieden, Macht&Missbrauch

 Umberto Eco, der große italienische Schriftsteller, Historiker und Philosoph, hat in seinem Essay „Der ewige Faschismus“* (1995) 14 Merkmale eines „Ur-Faschismus“ (oder ewigen Faschismus) beschrieben. Diese Merkmale sind keine strikte Definition, sondern dienen als Kriterien, um autoritäre und intolerante Tendenzen in verschiedenen politischen Formen und gesellschaftlichen Kontexten zu erkennen. Umberto Ecos Kriterien für den ewigen Faschismus zeigen, wie sich faschistoides Denken in verschiedenen Kontexten manifestieren kann, unabhängig von der jeweils besonderen Form und Verfasstheit totalitärer Gemeinschaften oder Staaten.

Umberto Ecos Kriterien für den „ewigen Faschismus“

1. Kult der Tradition

– Der ewige Faschismus basiert auf einer Rückbesinnung auf eine mythische Vergangenheit, die als goldenes Zeitalter glorifiziert wird. Tradition wird als unveränderlich und absolut dargestellt.

2. Ablehnung der Moderne

– Die Moderne, insbesondere die Aufklärung und ihre Werte wie Rationalität und Fortschritt, wird abgelehnt. Stattdessen wird ein irrationales Weltbild propagiert.

3. Kult der Handlung um der Handlung willen

– Handeln wird über Reflexion gestellt. Kritisches Denken wird als Schwäche angesehen, während impulsives Handeln als Tugend gilt.

4. Ablehnung von Kritik

– Jede Form von Kritik wird als Verrat betrachtet. Der ewige Faschismus duldet keine abweichenden Meinungen.

5. Angst vor Unterschieden

– Der ewige Faschismus fördert Intoleranz gegenüber allem, was als „anders“ wahrgenommen wird. Vielfalt wird als Bedrohung erlebt und dargestellt.

6. Appell an Frustration

– Der ewige Faschismus spricht Menschen an, die sich sozial, wirtschaftlich, politisch oder kulturell benachteiligt fühlen, und bietet ihnen einfache Feindbilder.

7. Obsession mit Verschwörungen

– Es wird eine ständige Bedrohung durch imaginäre Feinde konstruiert, oft in Form von Verschwörungstheorien.

8. Feindbild und Xenophobie

– Der ewige Faschismus benötigt einen Feind, um die eigene Identität zu stärken. Dieser Feind wird oft als fremd oder minderwertig dargestellt.

9. Leben als Kampf

– Das Leben wird als ständiger Kampf dargestellt, in dem nur die Stärksten überleben. Dies rechtfertigt Gewalt und Unterdrückung.

10. Elitismus und Verachtung der Schwachen

– Es wird ein elitäres Weltbild propagiert, in dem bestimmte Gruppen als überlegen und andere als minderwertig gelten. Alle Schwache wird verachtet.

11. Kult des Heldentums

– Heldentum wird glorifiziert, oft in Verbindung mit einem Todeskult. Der Held wird als Ideal dargestellt, bereit, für die Sache zu sterben.

12. Männlichkeitskult

– Der ewige Faschismus betont traditionelle Geschlechterrollen und propagiert einen Kult der Männlichkeit, während Frauen oft auf untergeordnete Rollen reduziert werden.

13. Populismus und selektive Demokratie

– Der ewige Faschismus nutzt populistische Rhetorik, um die Massen zu mobilisieren, lehnt jedoch echte demokratische Prozesse und Institutionen ab.

14. Vereinfachende Sprache und sprachliche Umkehr 

– Der ewige Faschismus verwendet eine vereinfachende, manipulative Sprache, die kritisches Denken unterdrückt und Emotionen anspricht. Oft werden Begriffe gekapert und in ihr Gegenteil verkehrt.  

Anerkennungsverluste*

Veröffentlicht am Posted in Krieg&Frieden, Macht&Missbrauch, Zweifel&Skepsis

(Wilhelm Heitmeyer)

Anerkennungsverluste gehen an die Substanz. Wenn Menschen Ihre Umgebung nicht mehr verstehen, wenn sie sich nicht mehr verstanden fühlen und sich von der Pluralität von Lebensentwürfen moderner Gesellschaften überfordert fühlen, kann das als Kontrollverlust erlebt werden. Dann ist die Sehnsucht nach Regression und Rückkehr zu „alten Zeiten“ nicht weit. Wenn, in Zeiten der Dauerkrise, die alten Zustände vor den Krisen nicht wieder herstellbar sind, führt das zu einem Vertrauensverlust in die politischen Systeme und die Eliten, die diese Systeme vertreten, und zum Rückzug (in eine „wutgetränkte Apathie“). In dieser Situation und in diesem Zustand sind Menschen offen für Verschwörungsideologien aller Art, und die Bereitschaft wird groß, einfachen Versprechungen und Parolen, wie diese Kontrolle wieder hergestellt werden könnte, zu folgen („Wir sind die Opfer..tötet die Feinde“). Ja, die Parole selbst, ruft oder brüllt man sie nur laut genug, wird bereits als Macht, als Rückeroberung von Kontrolle über die Kommunikation erlebt. Ein Einfallstor für Populisten aller Art (Maga), autoritäre Ideen, Nationalradikalismus und das, was Umberto Eco den „ewigen Faschismus“ nannte.

Wenn Menschen sich in ihren Lebensformen und kulturellen Präferenzen in der Öffentlichkeit und in den offizielle Medien nicht (mehr) angemessen repräsentiert sehen, führt dies in den entsprechenden Milieus zu Frustration, Ohnmacht und Wut, zu Gefühlen, die sich Kanäle suchen.

Anerkennungsverluste gehen an die Substanz der Person. Niemand kann ohne Anerkennung leben. Bestimmte Lebensformen – sowohl traditionell hergebrachte als auch alternativ experimentelle – bieten, insbesondere in Zeiten von Kontrollverlust, Stabilität und ein Gefühl von Geborgenheit. Die eingeforderte Konformität in homogenen Milieus (Hier pfeifen wir auf das gendern, oder hier nennt jede Person erstmal Geschlecht und Pronomen) wirkt dabei wie ein Schutzschild gegen die allgemeine Verunsicherung (früher war das mal der Name einer Band in Österreich). Und diese Schutzhülle, die Konformität, wird aggressiv gegen jede Irritation verteidigt, die als Bedrohung wahrgenommen wird.

Linke und rechte (woke und nichtwoke) Identitätsideologien wirken hier wie Brandbeschleuniger, da Identitätsideologien immer – über die Betonung bestimmter Merkmale – mit Ausgrenzungen (Othering) und Feindbildern arbeiten, was zur Nichtanerkennung des Differenten, Widersprüchlichen und Vielschichtigen, und schließlich zur Zerstörung von Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft und Gemeinschaft führt.

Woher kommen Macht und Gewalt?

Veröffentlicht am Posted in Grausamkeit, Krieg&Frieden, Macht&Missbrauch

Sind Gewehre mächtig?  Macht kommt aus dem Lauf der Gewehre, so heißt es. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Gewehre exekutieren nur die Idee der Macht, die sich durch Worte und Sätze in den Köpfen und Herzen der Menschen festsetzen und verbreitet. 

Sind Kugeln gewalttätig? Kugeln können zerstören, aber sie sind nicht gewalttätig. Gewalttätig können nur Menschen sein. 

Die gefährlichsten Waffen der Menschheit sind keine Gewehre oder Bomben,  sondern Worte und Sätze. Worte, die zu Sätzen und Ideologien zusammengefügt, die Herzen und Köpfe derjenigen steuern, die Waffen benutzen. 

Bereitschaft zum Frieden ist die einzige Option – Tikun Olam

Veröffentlicht am Posted in Grausamkeit, Konflikt&Lösung, Krieg&Frieden

Wie können wir in Sätze fassen, was in Worten nicht zu fassen ist? Schweigen wäre eine Option. Aber Schweigen ist ein Statement. Verstummen ist keine Option. 

Frieden ist die einzige Option, so heißt ein schmaler Band mit Essays und Reden von David Grossmann vor und nach dem 7. Oktober. Ich bewundere die Klarheit der Worte, mit denen der israelische Schriftsteller sagt, was gesagt werden kann und muss. Und ich erschrecke mit ihm. Israelis und Palästinenser befinden sich in einer tragischen Umklammerung, in der Hass und Gewalt immer nur mehr eskalieren. Es gibt Ideen für Lösungen, natürlich, aber niemand scheint sich den Weg dorthin wirklich vorstellen zu können. Nicht nach dem, was passiert ist. Oder doch?

Zweifellos gibt es, wie Grossmann schreibt, eine Hierarchie des Bösen, und die Hamas hat mit ihrem grausamen Überfall am 7. Oktober eine neue Dimension des Terrorismus eröffnet. Es gibt Videos, die niemand sehen, die man niemandem zeigen möchte. Killing fields, in Echtzeit mit webcams. „Die Gräueltaten dieser Tage sind nicht Israel zuzuschreiben. Sie gehen aufs Konto der Hammas. Wohl ist die Besatzung ein Verbrechen, aber hunderte von Zivilisten zu überwältigen, Kinder, Eltern, alte und kranke, und dann von einem zum anderen zu gehen und sie kaltblütig zu erschießen – das ist ein viel schwereres Verbrechen „(Grossmann, 2024, S. 43). Offensichtlich hat die Hamas den Gazastreifen mit Milliarden von Unterstützungsgeldern zu einer Angriffsfestung mit Tunneln, Waffenfabriken und Raketenabschussbasen unter Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten ausgebaut, mit dem Ziel, Israel zu vernichten und einen totalitären Gottesstaat in Palästina zu errichten. Dieses Ziel heiligt offenbar alle Mittel. Das eigene Volk wird als lebender Schutzschild missbraucht. Die Leiden der Kinder in diesem Krieg, die selbst in Bildern aus der Entfernung kaum zu ertragen sind, dienen der Hamas als moralische Munition für ihren Propagandakrieg. Die Geiseln sind weiterhin in ihrer Hand, und die Hamas schießt weiter Raketen auf Israel. Ein diabolischer, ein böser Plan, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Absurd, abwegig und gefährlich ist es, diese Art von grausamer Bösartigkeit zu ignorieren oder als Befreiungskampf zu bezeichnen. 

Und doch gefährdet in erster Linie die Politik der Netanjahu-Regierung und ihrer rechtsradikalen Unterstützer die Existenz Israels. Die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik im Westjordanland, der ultraorthodoxe Auserwähltheitswahn, der Rassismus, die Demütigung der Palästinenser, der Versuch, die Unabhängigkeit der Justiz abzuschaffen, all das schwächt den Staat Israel und seine Bestimmung als Heimstadt eines humanitären Judentums. „Dieses Land wurde preisgegeben – zu Gunsten eigener Interessen, zu Gunsten einer zynischen, schlafwandlerischen, unvernünftige Politik „(Grossman, 2024, S. 42).   

„Die Israelis und die Palästinenser“ schrieb Grossmann noch vor dem 7. Oktober „bekämpfen sich nun schon seit mehr als 100 Jahren. Man muss nicht Kassandra sein, um zu sehen und vorher zu sagen, welche Zerstörung dieser Konflikt über beide Seiten gebracht hat und noch bringen wird. Die ununterbrochene, blutige Auseinandersetzung hat die Beteiligten dermaßen deformiert, dass sie ihren eigenen existenziellen Interessen zuwiderhandeln. Ein von Hass, Angst und Misstrauen geprägtes Leben beengt die Seele und das Denken – und lässt die Fähigkeit verkümmern, sich aus der Falle zu retten. Wir dort unten führen kein Leben im echten Wortsinn, es ist vielmehr ein verzweifeltes Überleben von einer Katastrophe zur nächsten, von einem Krieg zum anderen. Der Verlust der Hoffnung hat bei israelischen und palästinensischen Bürgern gleichermaßen zu Apathie und Lähmung geführt. Beide Bevölkerungen sind zu Rohstoff in den Händen fanatischer, religiöser und nationalistischer Manipulatoren geworden, die extreme totalitäre Absichten hegen „(Grossman, 2024, S. 7). Israelis und Palästinenser, gekidnappt von den eigenen Fanatikern.

„Wer werden wir sein, wenn wir uns aus dem Staub erheben… Welche Art Mensch werden wir sein, wenn wir gesehen haben, was zu sehen war? „fragt Grossmann (ebd., S. 44). Diese Frage können wir uns auch selbst stellen. Es gibt eine Zeit nach dem Krieg? Wie wird unsere Welt dann aussehen, wer werden wir sein? Rückwärtsgewandter und gewaltbereiter? Vermutlich. Noch ist das ganze Ausmaß des angstgetriebenen Hasses und der ideologiegetriebenen Gewalt kaum abzuschätzen. Doch es wäre naiv, sich nicht darauf vorzubereiten. 

Was hält und trägt? Die Hoffnung, dass sich weltweit möglichst viele Menschen von Ideologien des Kampfes, des Hasses und der Gewalt nicht nur distanzieren, sondern aktiv friedliche und konstruktive Formen der Kooperation unterstützen, schützen und entwickeln.  

Rechte, linke und religiöse Fundamentalisten hingegen verherrlichen und feiern Feindschaft, Kampf und Gewalt. Die Entgrenzung von Gewalt und Grausamkeit gehört traditionell zum Programm. Sie ist und bleibt der Kern totalitärer Weltanschauungen. Das ist die Lehre von Ausschwitz, die sich im Massaker vom 7. Oktober ebenso wie in den Reaktionen auf dieses Massaker einmal mehr bestätigt. Im Schatten der Postmoderne marschieren die Truppen der Gegenaufklärung in traditionellen und neuen bunten Gewändern, doch die Grundidee, die Substanz, bleibt gleich: Kampf, Gewalt und Grausamkeit werden politisch gerechtfertigt und kulturell gefeiert. Auf den Schlachtfeldern, im Netz, im Hörsaal, auf der Sonnenallee, auf dem roten Teppich. Als wäre da nichts gewesen im 20. Jahrhundert. Als hätten wir nichts Besseres zu tun angesichts der Desaster, die wir als Spezies anrichten, und den Herausforderungen, die sich daraus ergeben. 

Zuversichtlich stimmen die vielen Hunderttausende, die jetzt gegen die aufkeimende Menschenverachtung auf die Straße gehen. Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die kapiert haben, was auf dem Spiel steht.

Die Vertreter von Freiheit und Aufklärung, von Völkerrecht und Menschenrechten sind überzeugt davon, dass moderne Gesellschaften im Inneren und untereinander Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und Probleme auf friedliche Art und Weise, durch kreative und konstruktive Kooperation, lösen können. Trotz unterschiedlicher Erfahrungen, Ansichten, Überzeugungen und Identifizierungen. Eine solche Lösungsstrategie erscheint mehr als vernünftig, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen. Es ist tatsächlich die einzige Option.

Die Ideologen der Gegenaufklärung hingegen schüren Hass und Gewaltbereitschaft. Immer geht es gegen irgendeinen „Feind“. Der Krieg war schon immer der Vater aller Dinge, rufen sie. Tötet sie, bevor sie uns töten. Kampfmüdigkeit und Unfähigkeit zu Grausamkeit seien nichts weiter als Zeichen von Dekadenz und Schwäche. Vom ewigen Faschismus (Umberto Eco) kann man nichts anderes erwarten. Von Gotteskriegern ebenfalls nicht. Aber auch der woke-linke, radikale Postkolonialismus kritisiert nicht die Logik und Gewalt des Kolonialismus und Imperialismus, er kehrt dessen Logik und Gewalt schlicht um, gegen die alten Herrschaften. Universalismus, allgemeine (!) Menschenrechte und Völkerrecht, dienen in dieser Perspektive der mentalen Knebelung und realen Unterdrückung des „globalen Südens“ – also weg damit! 

Es läuft auf einen ideologischen und kulturellen Kampf hinaus, wie Menschen mit Konflikten umgehen soll(t)en. Keine Ahnung, wie die Sache ausgeht. Du kannst nicht ausweichen, wenn dir Krieg aufgezwungen wird. Wenn es heißt Freiheit oder Unterwerfung bin ich für Kämpfen oder Flüchten. Gewinnen aber können wir nur, wenn wir den anderen zubilligen, was wir uns selbst wünschen. Man kann Waffen, Häuser und Landschaften zerstören und Menschen töten, nicht aber die Idee von Freiheit und Selbstbestimmung (schau nur mal, wo sie alle hin wollen, die jungen Menschen aus Russland, aus China, aus der Türkei, aus den arabischen Ländern, wie mutig sie waren und sind, am Tien an men, in Hongkong, in Aleppo, am Maidan, im Iran, bei der Beerdigung von Nawalny). 

 Doch wie viele Albträume erträgt der Mensch, ohne selbst zum Albtraum zu werden, für sich selbst und andere? Wie lange kannst du die Fähigkeit wach halten, die Verletzungen und Schmerzen deiner Gegner zu spüren und zu betrauern? Vielleicht kommt es genau darauf an, wenn du dich aus dem Staub erhebst.

Tikun Olam bezeichnet auf hebräisch unser „Streben und die Verpflichtung, unsere Welt besser zu machen“ (Grossman, 2024, S .59), und auch, wenn uns das viel zu selten gelingt, so glaube ich doch, dass uns diese Haltung lebendig hält. Die Zuversicht, die sich in diesem Streben ausdrückt, kann eine „Bewegung der Seele gegen die niederdrückende Schwerkraft der Verzweiflung“ (ebd.,S. 59) sein. Die Bereitschaft und Fähigkeit, Frieden zu schließen, scheint mir die einzig sinnvolle, in die Zukunft weisende Option,

Jan, 24.2.2024