Frieden ist ein großes Wort im Angesicht dieser Kriege
Frieden ist ein großes Wort im Angesicht dieser Kriege,
Gastbeitrag von Joana Osman, SZ, 30. September 2025, Die Schriftstellerin Joana Osman, Jahrgang 1982, ist Tochter eines Palästinensers und einer Deutschen. (Foto: Mica Zeiz)
Texte wie diesen schreibe ich nicht leichtfüßig und nie an einem Stück. Ich brauche lange, setze Wort für Wort vorsichtig wie Schritte auf unsicheren Boden. Jeder Satz kostet Kraft, weil ich weiß, wie schnell Sprache vereinnahmt werden kann. Besonders an Tagen wie diesen: Bald zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023, jenem Tag, der nicht nur das Leben zahlloser Menschen veränderte, sondern auch den Nahen Osten, Israel und Palästina – und weit darüber hinaus unsere Gegenwart. Nach der überraschenden Ankündigung aus Washington am Montag wächst nun eine leise Hoffnung auf ein Ende der Gewalt – wohlwissend, dass damit noch lange nicht von Frieden gesprochen werden kann, höchstens von einem (hoffentlich nicht nur vorübergehenden) Ende des Krieges. Echter Frieden ist ohne tiefgreifende politische Veränderungen nicht möglich, und davon ist in Donald Trumps Plan nichts zu sehen, denn der zielt eher auf eine Verwaltung des Elends ab.
Seit jenem Massaker der Hamas an Jüdinnen und Juden, das einen tiefen Riss durch unsere Gesellschaft gezogen hat, befindet sich Gaza in einem Massensterben. In den vergangenen Tagen, in denen im Hintergrund Diplomaten verhandelten, sprach das israelische Militär von einem breiten Bodeneinsatz „im Herzen von Gaza-Stadt“ – ein Euphemismus. Längst warnen internationale Organisationen nicht mehr nur, sie brüllen um Hilfe. Und sie zählen: Tote, Hungernde, Fliehende.
Nach UN-Angaben sind seit dem 7. Oktober über 63 700 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet worden; allein in der ersten Septemberwoche dieses Jahres waren es 571. Noch immer befinden sich 48 israelische Geiseln in Gaza. Israel geht davon aus, dass rund 20 von ihnen noch am Leben sein könnten. Ihre Chancen, die nächsten Tage, Wochen oder Monate zu überstehen, schwinden täglich – so wie die Überlebenschancen der Menschen im Gazastreifen, die unter Bomben, Hunger und Krankheit leiden. Unicef und WHO beschreiben die Zunahme der Unterernährung bei Kindern in einer Geschwindigkeit, die jedem Satz die Luft nimmt. Dass schnell etwas geschehen müsste, sehr schnell, erklärt sich von selbst – und natürlich könnte Trumps Deal Leben von Geiseln und Palästinensern retten.
Ich schreibe dies als Deutsch-Palästinenserin, und jeder dieser Sätze liegt mir wie Kies im Mund. In den vergangenen beiden Jahren wurde meine Identität zur Projektionsfläche: zwischen Fremdzuschreibungen, Erwartungshaltungen, Schuldzuweisungen. Ich verurteile das Massaker der Hamas – und ich verurteile eine Kriegsführung, die Zivilistinnen und Zivilisten massenhaft trifft und Hunger als Waffe einsetzt. Wer nicht beides zugleich verurteilen kann, hat sich gegen die Menschlichkeit entschieden. Es ist ein Krieg, gespeist aus einem toxischen Kreislauf von Rache und Vergeltung, der mit jeder Runde brutaler und verbrecherischer wurde. Inzwischen spricht eine UN-Kommission von Völkermord, Israel weist das zurück. Dass Juristinnen dieses Wort so deutlich in den Mund nehmen, sollte uns die Kehle zuschnüren – ganz egal, wo wir politisch stehen.
Die Verschiebung des Diskurses in Richtung Antihumanismus ist gesellschaftlicher und demokratischer Raubbau
Und doch reicht der Blick nicht nur nach Gaza. Auch andernorts brennt es: In den USA bastelt Trump an einer Autokratie. In der Ukraine tobt weiterhin der Krieg. Im Sudan eskaliert die Gewalt. Die Klimakrise verschärft alle Konflikte. Es ist, in einem Wort, eine Polykrise. Und viele von uns reagieren mit Müdigkeit und Rückzug – ein Zustand, der genau jenen dient, die spalten wollen.
Dabei wäre es gerade jetzt wichtiger denn je, wach und wachsam zu bleiben und, ja, auch wehrhaft. Wehrhaft gegenüber Hass und Hetze, gegenüber Intoleranz und Ignoranz. Denn die Verschiebung des Diskurses in Richtung Antihumanismus ist gesellschaftlicher und demokratischer Raubbau.
Vor mehr als zehn Jahren gründeten ein israelischer Grafikdesigner und ich eine Friedensbewegung, die Menschen aus dem gesamten Nahen Osten berührte: die Peace Factory. Einer unserer Slogans lautete: „Not ready to die in your war“. Israelis, Iranerinnen und Iraner, Palästinenserinnen und Palästinenser – zahlreiche Menschen schmückten ihre Facebook-Profilbilder mit diesem Slogan. Einige derer, die ich von damals kannte, sind heute nicht mehr am Leben, getötet in einem Krieg, den sie nicht wollten. Und während ich täglich meine Nachrichtenapps checke und verzweifelt versuche, mit Freunden und Bekannten aus Gaza, dem Westjordanland und Israel, aus Iran, Syrien und Libanon in Kontakt zu bleiben, wohlwissend, dass gerade meine palästinensischen Bekannten in höchster Lebensgefahr schweben – denke ich an den anderen Slogan, mit dem die Peace Factory viral ging: Ready to live in Peace.
In den vergangenen Jahren, spätestens seit Putins Überfall auf die Ukraine, haben wir viel über den Krieg gesprochen. Wir sprechen darüber, ob und wie und warum Krieg geführt werden muss oder nicht geführt werden soll. Wir sprechen über Verteidigung und den Wehretat. Wir sprechen über Verhältnismäßigkeit und Waffenlieferungen und wir sprechen in einer Art darüber, die in mir das Gefühl aufkommen lässt, dass wir alle uns längst auf eine bequeme, weil sehr theoretische Metaebene zurückgezogen haben, während das Leid der Menschen in Gaza und in der Ukraine unerträglich real ist.
Frieden schien ein (zu) großes Wort zu sein im Angesicht dieser Kriege. Und trotzdem müssen wir darüber sprechen, nicht trotz, sondern gerade im Angesicht der Kriege. Wir müssen über Frieden sprechen, damit der Krieg nicht gewinnt, uns als Gesellschaft nicht völlig korrumpiert. Auch wenn es sich komisch anfühlt: Wie leicht wird einem Naivität vorgehalten!
Und ja: Als Donald Trump am Montagabend vollmundig das Wort „Frieden“ in den Mund nahm, klang das für viele nach naiver Selbstüberschätzung. Ob er über die tiefere Bedeutung des Wortes nachgedacht hat, ist mehr als fraglich, denn seine Politik zielt in vielen Bereichen auf das genaue Gegenteil. Wie viele Menschen hat er eine falsche Vorstellung von „Frieden“. Denn Frieden, das ist nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg – wobei fürs Erste ein Waffenstillstand den Menschen in Gaza und Israel gerade schon mal sehr helfen würde. Doch genau das Beispiel des Nahostkonflikts zeigt ja: Gesellschaften können über kurze oder längere Zeitspannen „im Frieden“ leben – also ohne aktiv in einen Krieg eingebunden zu sein – und dennoch zutiefst unfriedlich sein.
Echter Frieden passiert nicht einfach so, wenn ein Krieg zu Ende geht
Die bloße Abwesenheit von Kampfhandlungen nennt man in der Fachsprache „negativen Frieden“. Es ist nicht mehr als ein Schweigen der Waffen. Echter, „positiver Frieden“ hingegen beinhaltet viel mehr: die aktive Beseitigung struktureller Gewalt wie etwa Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Dazu zählt auch die Beseitigung von kultureller Gewalt, also von gesellschaftlichen Haltungen und Normen, die Ungerechtigkeit und Ausgrenzung rechtfertigen oder fördern, wie etwa Rassismus oder Frauen- und LGBTQ*-Feindlichkeit.
Das zentrale Element des positiven Friedens ist also die Schaffung einer Gesellschaft, die auf gelebter Gerechtigkeit, sozialer und ökologischer Entwicklung, Freiheit und Demokratie basiert und die von allen Mitgliedern aktiv mitgestaltet wird. Damit ist echter, positiver Frieden nichts, was einfach so passiert, wenn ein Krieg zu Ende geht. Es ist vielmehr ein dynamischer Prozess. Man könnte auch sagen: Frieden ist ein Geisteszustand.
Natürlich können wir Kriege, etwa in Gaza, in der Ukraine oder im Sudan, nicht einfach von unseren Wohnzimmern aus beenden. Ebenso wenig können wir sie in Talkshows wegdiskutieren. Verbrechen gegen die Menschlichkeit lassen sich auch nicht durch „thoughts and prayers“ eliminieren. Aber wir können dafür sorgen, dass zumindest und zunächst unsere Gesellschaft eine friedlichere und gesündere wird. Und damit tragen wir indirekt dazu bei, dass auch andere Gesellschaften gesunden – denn eine Gesellschaft, die der Utopie des positiven Friedens zumindest in Teilen nahekommt, ist auch global sehr viel wirk- und handlungsmächtiger als eine, die sich in zersetzenden Grabenkämpfen und Scheindebatten verliert.
Es liegt also an uns, unsere Gesellschaft widerstandsfähiger gegen Hass, Hetze und Intoleranz zu machen – in drei Schritten: durch kompromisslose Klarheit im Benennen von Verbrechen und demokratiefeindlichen Ideologien, durch das konkrete Ausformulieren einer positiven Zukunftsvision für unsere Gesellschaft und schließlich durch aktive und internationale Vernetzung mit all jenen, die für Demokratie, Freiheit und Vielfalt einstehen.
Konkret sieht das so aus: Wir müssen lernen, Dinge beim Namen zu nennen – auch die Dinge, die uns schwer über die Lippen kommen. So müssen wir auch subtile Angriffe auf die Demokratie und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klar benennen, ohne etwas zu relativieren oder gar zu beschönigen, denn sonst würden wir in die Falle des Toleranzparadoxons fallen: Wer der Intoleranz zu lange mit bedingungsloser Toleranz begegnet, leistet ihr Vorschub – und wird irgendwann von ihr vereinnahmt.
Im zweiten Schritt sind wir gefordert, uns selbst klar dazu zu positionieren, wie wir künftig miteinander leben möchten. Spalterische Ideologien, die Ausgrenzung und Diskriminierung schüren, können wir nicht einfach verbieten, es reicht nicht einmal, nur ihre inhaltlichen Schwächen aufzuzeigen. Was wir brauchen, ist eine klare, positive und vor allem gemeinsame Vision einer starken und friedlichen Gesellschaft. Sprechen wir also nicht nur darüber, was in der Welt und in unserer Gesellschaft verkehrt läuft – sprechen wir auch darüber, was wir uns stattdessen wünschen.
Und schließlich müssen sich im dritten Schritt die Kräfte des Friedens vernetzen. Nicht nur regional oder überregional, sondern global. In jedem Winkel der Erde stehen Menschen für Frieden, Freiheit, Vielfalt: In Israel, wo Zehntausende für ein Ende des Krieges und Friedensgespräche auf die Straße gehen. In Gaza, wo mutige Frauen und Männer für einen Geiseldeal demonstrieren. In Iran bei der Freiheitsbewegung „Women, Life, Freedom“. Und in den zahlreichen Protestbewegungen für Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte überall auf der Welt: In den USA, in Georgien, in Russland und in vielen weiteren Ländern, in denen die Demokratie in akuter Gefahr ist – überall finden wir Menschen, die wie wir den Wunsch haben, einen echten, einen positiven Frieden zu gestalten und zu leben – genauso wie es überall Menschen gibt, die Demokratie, Vielfalt, Integration und Zusammenhalt zu torpedieren versuchen. Deren Narrativen von Hass und Ausgrenzung unsere Vision des positiven Friedens entgegenzusetzen, ist unsere dringlichste Aufgabe.
Frieden ist kein Deal, der man aushandelt, in dem man Freund wie Feind unter maximalem Druck zu Kompromissen nötigt, die in wenigen Wochen schon wieder bröckeln. Frieden ist kein fernes Ideal, das irgendwann am Ende aller Kriege auf uns wartet. Frieden ist eine Aufgabe, die uns hier und heute gestellt wird. Sie verlangt von uns Klarheit, Mut und die Bereitschaft, unsere humanitären und demokratischen Werte und Visionen gegen Zynismus, Intoleranz und Autoritarismus zu verteidigen. „Ready to live in Peace“ – dieser Satz klingt heute fast naiv. Und doch ist er vielleicht die radikalste – und zugleich hoffnungsvollste – Haltung, die wir einnehmen können: nicht bereit zu sein für den Krieg, aber jederzeit bereit für den Frieden. Auch und gerade in den Tagen rund um den 7. Oktober.
Joana Osman ist eine in München geborene deutsch-palästinensische Schriftstellerin und Dozentin. Sie studierte Amerikanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in München sowie Literacy Management in Freiburg und war 2012 Mitbegründerin der Friedensbewegung „The Peace Factory“.Bearbeiten