Radikale Hoffnung – Die Krise der Zivilisation als Chance

Die Krise der Zivilisation 

Im Verlauf der Evolution entwickeln die Menschen fantastische Fähigkeiten. Im Anthropozän führt diese Entwicklung in einen tiefen Widerspruch, eine alles umfassende Zivilisationskrise, die die Existenz der Spezies bedroht. Die Art, wie wir leben, wie wir Beziehungen gestalten, zu uns selbst, zu Anderen und zur Umgebung, stürzt die Natur, von der wir ein Teil sind, und die Kulturen, die wir selbst hervorbringen, in chaotische Zustände fern vom Gleichgewicht. Dürren, Fluten, Brände, Stürme, schmelzendes Eis, versiegende Seen, Arten sterben, Vielfalt schwindet, Verschmutzung. Die reichen, mächtigen und aufstrebenden Länder plündern die Ressourcen der Erde und erwärmen die Atmosphäre. Soziale und politische Systeme implodieren, Gewalt eskaliert. Zu allererst leiden arme, ausgebeutete, unterdrückte, an den Rand gedrängte, diskriminierte Menschen, Menschen in unbewohnbar gemachten Gegenden. Aber die Konsequenzen aus all dem betreffen uns alle. Die Menschheit steht vor einer riesigen Herausforderung – sie muss sich als Ganzes neu erfinden, und zwar auf allen Ebenen: politisch, ökonomisch, kulturell, sozial, psychisch und spirituell.

Der Beginn eines neuen Zeitalters 

Historisch gesehen kennzeichnen die gehäuften Krisen, die wir jetzt erleben, den Beginn eines neuen Zeitalters, das wir uns kaum vorstellen können. Die Keime des Neuen sind schon da, aber ob und wie sie sich entfalten werden, welche neuen Ordnungen entstehen, können wir unmöglich wissen. Sicher ist nur, dass es die Welt von Gestern Morgen nicht mehr geben wird. Die Krise der Zivilisation ist eine Krise der Vorstellungskraft. Aber darin liegt auch eine Chance.  Nicht nur technisch-materielle Innovationen sind jetzt gefordert, sondern vor allem sozialer und kultureller Erfindungsgeist. Eine Aufgabe aller Generationen und Professionen jenseits aller Generationen und Professionen. Gemeinsam – aktiv, an vielen Orten und auf vielen Ebenen gleichzeitig – können wir viel erreichen. Packen wir’s an (Petition für einen Bürgerrat unterzeichnen).

Interview mit Prof. Ute Boetius, Leiterin des AWI (Alfred Wegener Institut)  und Meeresforscherin

Klima – die Fakten erkennen und die Herausforderungen annehmen
(Vortrag von Gregor Hagedorn, Scientists for Future)

Psychologist for Future

Netzwerk Klimaschutz der DGSF

Die Welt ist alles, was der Fall ist und
Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge
(Ludwig Wittgenstein, Tractatus 1 und 1.1.,  S.  9)

Radikale Hoffnung in Zeiten existenziellen Wandels

Was könnte es bedeuten, radikal zu hoffen?

Radikal kann ein Hoffen genannt werden, das sich konsequent und ohne Tabus den Fakten stellt und sich auf Tatsachen* bezieht. Hoffnungsvoll radikal können wir uns bewegen, wenn wir die Ambivalenz der menschlichen Evolution erkennen, wenn wir bewusst eine Richtung einschlagen, die unser zerstörerisches Potenzial transformiert, wenn wir Räume nutzen und gestalten, in dem sich unser produktives Potenzial entfalten kann.

Hoffnungsvoll handeln heißt, das zu tun, was aus Sicht der Zukunft sinnvoll erscheint. Wie realistisch ist eine Transformationen der menschlichen  Zivilisation? Das können wir nur entdecken, wenn wir uns auf den Weg machen, jetzt, with little luggage, ready to imagine another world, and ready to fight for it (Arundhati Roy). Unterwegs können wir eine neue, überzeugende Geschichte erfinden.

In Henning Mankells Roman »Der Chronist der Winde« irrt der neunjährige Ne-
lio, der seine Familie verloren hat, im Busch umher und trifft dabei auf den Zwerg
Yabu Bata, der dem Jungen erlaubt, sich ihm anzuschließen. Irgendwann sagt der
Zwerg: »Jetzt will ich auf deine Frage antworten, wohin ich unterwegs bin. Ich habe
geträumt, dass ich mich auf eine Wanderung begeben und einen Pfad suchen soll,
der mir das rechte Ziel weist.« »Was für einen Pfad?«, fragt der Junge. »Den Pfad,
von dem ich geträumt habe. Der mich zum rechten Weg führen soll. Frag nicht so
viel. Wir haben noch weit zu gehen.« »Woher weißt du das?« Yabu Bata sah ihn
verwundert an, bevor er antwortete: »Ein Pfad von dem man geträumt hat und der
einen Menschen zum rechten Ziel führen soll, kann nicht in der Nähe liegen«, ant
wortete er schließlich, »was wichtig ist, ist immer schwer zu finden« (Mankell, 2002,
S. 76).

Kreativität III. Ordnung: Beziehungsgestaltung als Aufgabe 

Im Verlauf der Evolution erfanden Menschen immer komplexere Formen des Miteinanders, der Kooperation und emotionalen Abstimmung. Wir haben tatsächlich gelernt, unsere Beziehungen schöpferisch zu gestalten – zu uns selbst, untereinander und zur Umgebung. Das bedeutet nichts weniger, als dass wir die psychischen, sozialen und kulturellen Möglichkeitsräume, in denen wir uns bewegen und entwickeln, gemeinsam mit anderen erfinden und hervorbringen – also auch verändern und gestalten können. Diese Fähigkeit können wir als Kreativität II. Ordnung bezeichnen.

Immer deutlicher wird allerdings, dass eine umgebungsblinde Expansion – die ungehemmte Ausdehnung menschlicher Möglichkeitsräumen – unser Überleben als Spezies gefährdet. Wie gestalten wir die Beziehungen zu uns selbst, untereinander, und zur natürlichen Umgebung so, dass Entwicklungsräume und Entwicklungschance für zukünftige Generationen erhalten bleiben? Darin liegt die Herausforderung unserer Gegenwart im Anthropozän. Die Chance könnte darin liegen, eine Art Kreativität III. Ordnung zu entwickeln: Die Fähigkeit, menschliche Entwicklungsräume kontextsensibel und ressourcenorientiert zu pflegen, zu entwickeln und zu gestalten (also in enger Abstimmung mit allen nährenden inneren und äußeren Umgebungen).

Aus der Corona-Krise für die Zukunft lernen: 
Wie geht es nach Corona weiter? Sozialpsychologisch, klimatisch, wirtschaftlich, politisch. Ein Beitrag auf ARD (Echtes Leben) bringt es in 28 Minuten auf den Punkt. 

* Tatsachen: Gesamtheit von Ereignissen, die sich gegenseitig bedingen und auseinander hervorgehen.