Transkulturelle Erfahrung China

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Zong de Ban. Zwischen 2012 und 2018 waren wir eingeladen als Teil eines deutsch-chinesischen Trainerteams (DCAP) systemische Familientherapie an der Tongji Universität in Shanghai und Paartherapie an der Peking Universität zu unterrichten. Wir begegneten aufgeschlossenen chinesischen Kolleg:innen voller Hoffnung und Neugier. Inhaltlich gab es in dieser Zeit für uns keinerlei fachliche Beschränkungen. Ich erlebte die Zusammenarbeit als produktive gegenseitige Irritation. Gleichzeitig veränderten sich die politischen Rahmenbedingungen radikal. Lea Sahay beschreibt diese Entwicklung in ihrem Buch Das Ende des chinesischen Traums sehr anschaulich. Auch für mich endete ein Traum (mehr dazu: Psychotherapie unterrichten in China – achte Thesen zur Kooperation). Was bleibt ist eine fantastische Erfahrung, meine Liebe zu Land und Leuten, Trauer und die Hoffnung auf Sicherheit und Freiheit für alle Menschen in China.

Der Machtantritt von XI beendete systematisch, Schritt für Schritt die Ära der pragmatischen Öffnung. Unter XI’s Führung restaurierte die KP ihre Macht und eine neue Ära des ideologischen Primats wurde eingeleitet, wie in den Zeiten Maos. Seither entwickelt sich das chinesische Regime zu einem totalitären Regime mit imperialem Gestus. Dazu will ich nicht schweigen.

Fakt ist: Menschenrechte und Freiheitsrechte werden massiv eingeschränkt und verletzt, Kritiker eingeschüchtert und „westliche Ideologien“ aktiv  bekämpft. Viele Chinesen sehnen sich nach Freiheit. Die KP baute die muslimische Region Xinjiang zu einem „Lagerstaat kulturrevolutionärer Prägung“ aus. Der pulsierenden Metropole Hongkong brach das Regime entgegen aller Abmachungen das demokratische Rückgrat. Hunderttausende flohen. Kritische europäische Intellektuelle und Parlamentarier werden in Europa bespitzelt, eingeschüchtert und bedroht. Ausländer in China können nach der neuen Gesetzgebung jederzeit im Gefängnis landen. Demokratische Werte (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, Zivilgesellschaft) werden offiziell als „verworrener Wahnsinn“ geschmäht. Patientenrechte, die eine authentische therapeutische Allianz erst ermöglichen, sind in China heute nicht ausreichend geschützt (siehe dazu: Zum Schutz des therapeutischen Raumes – Schweigepflicht und Datenschutz in Europa und China).

Einen Eindruck der trotz allem so wertvollen transkulturellen Erfahrung in China vermittelt der Bericht von Inge Liebel-Fryszer: 2013_Liebel-Fryszer_China

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Mitmenschlichkeit und Grausamkeit – zur Ambivalenz der Kulturentwicklung

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Mitmenschlichkeit und Grausamkeit – zur Ambivalenz der Kulturentwicklung. Ein Exkurs:


Einen Eindruck von der Ambivalenz der Kulturentwicklung vermittelt ein Bericht über die Achè. Die Achè, ein Stamm von Jägern und Sammlern, verfolgten bis in die 1960er Jahre hinein seinen ursprünglichen Lebensstil und die durchstreiften die Urwälder Paraguays: »Wenn ein angesehenes Mitglied der Gruppe starb, töteten die Aché traditionell ein Mädchen und bestatteten die beiden zusammen…Wenn alte Frauen der Gruppe zur Last fielen, schlich sich ein junger Mann von hinten an sie heran und erschlug sie mit einer Axt…Kinder, die ohne Haare zur Welt kamen, galten als unterentwickelt und wurden sofort getötet…Bei einer anderen Gelegenheit erschlug ein Mann einen kleinen Jungen, ’weil er immer schlecht gelaunt war und viel weinte‘. Ein anderes Kind wurde lebendig begraben, ’weil es komisch aussah und die anderen Kinder es gehänselt haben’»[1]. Die Anthropologen, die lange mit den Aché zusammenlebten, berichten andererseits, »es sei ausgesprochen selten zu Gewalt zwischen Erwachsenen gekommen. Frauen und Männer konnten nach Belieben ihre Partner wechseln. Sie lächelten und lachten unaufhörlich, hatten keine Anführer und mieden herrschsüchtige Stammesgenossen. Sie waren ausgesprochen großzügig und hatten kein Interesse an Erfolg oder Wohlstand. Harmonisches Zusammenleben und gute Freundschaften waren ihnen wichtiger als alles andere im Leben« (ebd. S. 73). Ich nehme an, wir unterscheiden uns im Grunde nicht allzu sehr von den Achè. Gewalt und Mitgefühl[2]liegen oft näher beieinander, als uns lieb ist, und wenn wir darüber nachdenken, befällt uns jenes »Unbehagen in der Kultur«, von dem bereits Freud (1930) spricht.

Ich glaube aber, dass ein aufgeklärter Humanismus sich mit dem auseinandersetzen muss, was wir lieber nicht wissen wollen[3] (vgl. Hustvedt (2015, S. 281). Erst dann erhalten wir ein realistisches und vollständiges Bild von den Ausgangsbedingungen, mit denen wir zu allen Zeiten und an allen Orten rechnen müssen, gerade wenn wir ein möglichst gutes und gelingendes Zusammenleben gestalten wollen. Ich nehme an, dass Hannah Arendt auf diesen Zusammenhang hinweisen wollte, als sie schrieb: „Der europäische Humanismus, weit davon entfernt, die Wurzel des Nazitums zu sein, war auf diesen oder auf irgendeine andere Form totaler Herrschaft so wenig vorbereitet, dass wir uns beim Verständnis dieses Phänomens und bei seiner Einordnung weder auf die begriffliche Sprache noch auf die traditionellen Metaphern dieses Humanismus verlassen können. Darin liegt jedoch eine Bedrohung für alle Formen des Humanismus: Ihm droht die Gefahr, irrelevant zu werden“ (Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft).

Mitmenschlichkeit und Grausamkeit scheinen als Möglichkeit in uns allen und zwischen uns angelegt zu sein, ein ambivalentes Potenzial, das sich in bestimmten Situationen[4], so oder so, zeigt. Es fällt uns schwer, dieses destruktive Potenzial in uns zu akzeptieren, deshalb neigen wir dazu, in unseren Weltsichten alles Destruktive, Barbarische oder Bösartige abzuspalten oder auszulagern[5]. Ein aufgeklärter Humanismus hingegen muss einen begrifflichen Rahmen schaffen, in dem Mitmenschlichkeit und Grausamkeit als zwei Seiten der menschlichen Entwicklung auftauchen, mit dem Ziel, Gewalt einzudämmen und Mitgefühl zu bestärken. Jeder Mensch habe, sagt Margaret Atwood, »…ein nobles Ich (das Ich, das wir gerne wären), ein Alltags-Ich (das einigermaßen manierlich daherkommt), und ein verborgenes, viel weniger tugendhaftes Ich, das in Augenblicken der Bedrohung und Wut hervorbrechen und unsägliche Dinge tun kann«[6]. Davon müssen wir ausgehen.
Zweifellos beobachten wir in der Kulturentwicklung eine beachtliche Zunahme an Kooperation, sozialer Verantwortlichkeit, altruistischem Handeln, uneigennützigem Teilen, Solidarität und Toleranz. Das gilt jedoch zunächst meist nur innerhalb der eigenen Gruppe, des eigenen Stamms oder Clans. Die andere Seite der Kulturentwicklung zeigt sich, wenn Personen als außerhalb der eigenen Gruppe liegend, als nicht zugehörig angesehen werden. Ignoranz, Raub, Mord und Totschlag, Folter, Versklavung, grausame Gewalt, alles ist dann möglich[7].

Konkurrenz, Rivalität und kooperative Aggression[8] zwischen Gruppen spielt eine bedeutende Rolle unter Menschen: »Wenn eine Gruppe kooperiert, um eine andere anzugreifen, ist die wirksamste Antwort darauf normalerweise, bei der Verteidigung ebenfalls zu kooperieren…Das Entwerfen von Schlachtplänen und Strategien, die Entwicklung von Waffentechnik, Organisation und Verwaltungseinrichtungen, Bluffen und Täuschen, Tapferkeit und Heldentum sind nur einige der Merkmale, die durch permanente Bedrohung und Konflikte selektiert worden sein mögen« (Suddendorf, 2020, 353). Beim Jagen wilder Tiere, in der Auseinandersetzung mit anderen Clans oder anderen Menschenarten können Menschen, kollektiv verstärkt, äußerst aggressiv, brutal und grausam agieren. Vor etwa 2 Millionen Jahren begannen die ersten Homini, vorher Sammler und Vegetarier, Aas zu essen[9]. Später  beginnen die Homini zu jagen, um frisches Fleisch zu erbeuten. Aus Gejagten werden Jäger. Um schnelle Tiere oder gefährliche Raubtiere, die körperlich weit überlegen sind, zu jagen und zu töten, erfinden die schlauen Menschen psychologische Tricks, Waffen und neue Kampftaktiken. Als Kollektiv setzen sie kooperative Kampftechniken ein, und individuell schlüpfen sie, dank ihrer mentalen Stärke, in die Rolle von Tieren, die sie jagen, sie bewegen sich wie sie, ahmen deren Bewegungen, Kampftechniken und Kampfmimiken nach. Frauen blieben wahrscheinlich eher bei den Kindern am Feuer, Männer gingen auf die Jagd, »was körperlich extrem anstrengend ist: Sie mussten Beute aufspüren, verletzen, einer Blutspur tagelang folgen, schließlich das Tier mit Speer und Stein umbringen. Unsere These lautet, dass diejenigen Männer besonders großen Jagderfolg hatten,…die solche Entbehrungen als lustvoll empfunden haben…Hinzu kam, dass die Menschen sich bei Jagd und Kampf zusammengeschlossen haben, um große Tiere wie Mammuts oder feindliche Horden niederzumachen. Deshalb ist Gewalt in Gruppen für Männer besonders faszinierend«[10]. Diese Faszination hat eine dunkle Seite: kollektive Tötungslust[11]. Sicher können Menschen jeder geschlechtlichen Art oder Orientierung gewalttätig und grausam sein, doch Kampfgruppen im kollektiven Tötungsrausch sind fast immer »männlich« besetzt. Männer lernen in Männerbünden[12] sich vor einem Kampfereignis gegenseitig »heiß« zu machen, sich dem Kampfrausch hinzugeben, und sich hinterher für Gewaltakte und Grausamkeiten zu bewundern und zu feiern.

In Krisenzeiten kann die Situation zudem auch innerhalb von Gruppen schnell kippen. Wenn Ressourcen – Nahrung, Wasser, Jagdgründe, Sexualpartner[13] – knapp werden, zeigen sich gewalttätige und grausame Verhaltensweisen auch innerhalb der eigenen Gruppe. Wenn der Contract Social (Rousseau, 1762) zerbricht, wird deutlich, dass jede soziale Organisation aus einem fragilen Netzwerk von Beziehungsdefinitionen besteht, das leicht zerbrechen kann, wenn die Bedingungen sich verändern.

Der Prozess der Zivilisation ist ambivalent[14] – europäischer Kolonialismus und europäische Humanismus gingen Hand in Hand -, und er bleibt störanfällig. Unter der Oberfläche pulsiert eine wilde oder rohe Intoleranz (Eco, 2020, S. 56), die jederzeit aufbrechen kann. Wie Menschen  handeln, hängt immer von den äußeren Bedingungen und den inneren Landkarten ab.

 

[1]  Kim Hill und A. Magdalena Hurtado. Aché Life History, zit. nach Harari (2015). Eine kleine Geschichte der Menschheit, S. 72 und 73.

[2] Eine ausführliche und lesenswerte Darstellung dieses Themas findet sich bei Sapolsky, 2017

[3] Vgl. Hustvedt (2015, S. 281)

[4] Vgl. Philipp Zimbardo, 2005, Das Stanford Gefängnis Experiment.

[5] Nicht wir sind es, nein es sind Dämonen, Götter, Teufel, der Kapitalismus, der Kommunismus, die Umstände des Heranwachsens, das „Tierische“ in uns, in Zweifelsfall aber immer die Anderen.

[6]  Margaret Atwood (2017). Dankesrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels

[7] Deshalb erfüllt uns auch kaum etwas mit mehr Schrecken, als von der eigenen Gruppe, dem eigenen Clan, dem eigenen Volk, ausgeschlossen zu werden. Schon eine indirekte Drohung reicht aus, um Menschen gefügig zu machen

[8]  »Die gemeinen Schimpansen sind die einzigen weiteren Primaten, von denen bekannt ist, dass sie kooperieren, um Mitglieder der eigenen Spezies zu töten« (Suddendorf, 2014, S. 26.), vgl. auch ebd. S. 354

[9]  Vgl. Lewis R. Binford (1981). Bones. Ancient Men and Modern Myth.

[10] Thomas Elbert, SZ-Interview 28/29.8.2010

[11] Vgl. Klaus Theweleit (2015), Das Lachen der Täter.

[12]  Männerbande – Männerbünde Lit angabe….

[13]  Später: Territorien, Anbaugebiete, Bodenschätze, Macht, Kapital, Aufmerksamkeit (Frank, 1998), Anerkennung, Ruhm, Wohnräume, Bildungs- Beteiligungs- und Entwicklungschancen, Sicherheit.

[14]  Vgl. Zygmund Baumann (2005). Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit.