Skeptisch und zuversichtlich bleiben

Veröffentlicht am Posted in Sinn&Hoffnung, Skepsis&Zuversicht

Auszug aus dem Artikel Systemische Zuversicht – Wie wir die Herausforderungen unserer annehmen und gemeinsam zuversichtlich bleiben könn(t)ten. Kontext 53/3, S. 243-254

„Gemeinsam unterwegs

Kein Vorhaben kann ohne Hoffnung gelingen
(Immanuel Kant)

In Henning Mankells Roman »Der Chronist der Winde« irrt der neunjährige Nelio, dessen Dorf niedergebrannt wurde, im Busch umher und trifft dabei auf den Zwerg Yabu Bata, der dem Jungen erlaubt, sich ihm anzuschließen. Irgendwann sagt der Zwerg: »Jetzt will ich auf deine Frage antworten, wohin ich unterwegs bin. Ich habe geträumt, dass ich mich auf eine Wanderung begeben und einen Pfad suchen soll, der mir das rechte Ziel weist.« »Was für einen Pfad?«, fragt der Junge. »Den Pfad, von dem ich geträumt habe. Der mich zum rechten Weg führen soll. Frag nicht so viel. Wir haben noch weit zu gehen.« »Woher weißt du das?« Yabu Bata sah ihn verwundert an, bevor er antwortete: »Ein Pfad, von dem man geträumt hat und der einen Menschen zum rechten Ziel führen soll, kann nicht in der Nähe liegen«, antwortete er schließlich, »was wichtig ist, ist immer schwer zu finden« (Mankell, 2002, S. 76). 

Was wir die Welt nennen ist die Gesamtheit der Ereignisse und Tatsachen in uns und um uns herum, die wir beobachten und über die wir sprechen[1]. Was nehmen wir auf unserem Weg, in unserer Zeit wahr, worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit, worüber sprechen wir, und schließlich: Mit welcher Einstellung, mit welcher Haltung, welcher Vorstellung und Logik sind wir unterwegs?

Eve of destruction[2] versus what a wonderful world[3] – ich glaube nicht, dass es in unserer Lage sinnvoll ist, beide Betrachtungsweisen gegeneinander auszuspielen. Irgendwo dazwischen liegt ein Pfad. Es gibt, wie Hans Rosling (2006) beispielhaft gezeigt hat, global und lokal viele positive Entwicklungen, die zuversichtlich stimmen können. Wir machen auch Fortschritte und darauf können wir aufbauen. Andererseits führt unsere Lebensweise, die Art, wie wir Beziehungen gestalten, zu einer globalen Erschöpfung, die sich auf allen Ebenen zeigt, nicht nur in der uns umgebende Natur, sondern ebenso kulturell, sozial und psychisch in einer Fülle von Symptomen. Alle Daten zusammen zeigen, dass wir ein ernstes Problem haben, wenn wir als Spezies weiterhin einer Logik der Expansion, Dominanz und Steigerung (Rosa, 2016, Bleckwedel, 2022) folgen und damit die Erde unbewohnbar machen. Wir werden unsere Lebensweise und die Logik, die alles bestimmt und durchdringt, grundlegend verändern müssen, wenn menschliches Leben auf unserem Planeten weiterhin möglich sein soll. 

 Betrachten wir die Evolution der menschlichen Spezies systemisch, dann ging es niemals nur um die Frage wer wird überleben, sondern von Beginn an immer auch um die Frage, wie können wir gemeinsam überleben. In diesem Kontext gewinnt die Formel vom „survival of the fittest“ (Darwin, 1871) eine ganz andere Bedeutung als die, die ihr im 20. Jahrhundert durch einen politisch motivierten Sozialdarwinismusund nationalen Chauvinismuszugewiesen wurde. Als Spezies fit zu sein bedeutet heute, zu erkennen, wie wir uns umgebungssensibel innerhalb bestimmter Grenzenentwickeln können, um gemeinsam unter den gegebenen natürlichen Bedingungen auf einem gesunden Planeten[4] zu überleben. Das bedeutet nichts weniger, als dass wir die Art und Weise, wie wir als Spezies Beziehungen gestalten, zu uns selbst, untereinander und zur weiteren Umgebung, grundlegend transformieren müssen.

Die menschliche Spezies entwickelte im Verlauf der Evolution fantastische Fähigkeiten, wir können nicht nur mentale Innenwelten und soziale Beziehungen kreativ gestalten, sondern auch kulturelle, natürliche und technische Umgebungen. Tatsächlich erschaffen wir die Entwicklungsräume, in denen wir uns bewegen, im kommunikativen Miteinander weitgehend selbst (im Rahmen natürlicher Gesetzmäßigkeiten). Doch in dem Moment, in dem alles möglich erscheint, im Anthropozän, in dem die Menschheit Göttern gleich (Harari, 2019) die Rhythmen und Kreisläufe des Lebens auf der Erde bestimmt, zeigt sich ebenso deutlich die dunkle Seite des schöpferischen Potenzials: Die enorme zerstörerische Kraft, die in der permanenten Ausdehnung, Eroberung und Ausschöpfung aller Möglichkeiten steckt, und die sich nun nicht mehr nur allein gegen andere Menschen oder Lebewesen richtet, sondern die Existenz der Spezies und der Biosphäre bedroht. 

Systemisch zuversichtlich zu bleiben, erfordert zunächst zu verstehen, in was für einer Lage wir uns befinden und wie wir dort hingekommen sind, um aus diesem Verstehen heraus nachhaltige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. 

Ungewissheitslage und Orientierungs-Modus 

 Gewissheit bleibt, wie Siri Hustvedt (2018) schreibt, immer eine Illusion, und doch steigt der Grad an Ungewissheit, und damit das „Unbehagen in der Kultur“ (Freud, 1930), gegenwärtig auf ein schwer erträgliches Maß. Historisch gesehen kennzeichnen die Turbulenzen fern vom Gleichgewicht, die wir auf allen Ebenen immer schneller getaktet erleben, den Übergang in ein Zeitalter des globalen Umbruchs, den die Menschheit in dieser Dimension noch nicht erlebt hat. Wir beobachten und erleben nicht nur menschengemachte Erderwärmung, Umeltverwüstung, Artensterben und die Eskalation von Gewalt und Unvernunft.  Die Krise der Ressourcenpflege, die Krise der gerechten Verteilung von Gütern und Lebenschancen, die Krise demokratischer Beteiligung, die Krise der Lebensweise ist nicht zuletzt eine Krise der Sinnschöpfung und der utopischen Vorstellungskraft. Die »großen Erzählungen« des 19ten und 20ten Jahrhunderts erwiesen sich im Praxistest als fatale Irrtümer und wir befinden uns auf einer Odyssee ins Ungewisse. Niemand kann heute sagen, wohin der Wandel führen wird: Die Keime des Neuen sind schon da, aber ob und wie sie sich entfalten werden, in welche Richtung es tatsächlich geht, welche neuen Ordnungen spontan entstehen werden, können wir unmöglich wissen. 

 An Wissen, Zukunftsentwürfen, Lösungsideen und guten Beispielen mangelt es nicht[5], nur kann eben heute niemand vorhersagen, wie sich die große Transformation (Polanyi, 1957, Göpel, 2020), von der nun überall die Rede ist, genau vollziehen, welche Richtung die Menschheit schließlich einschlagen wird. Auf jeden Fall sollten wir uns auf wilde Sprünge, seltsame Loops und herbe Rückschläge einstellen und akzeptieren, dass wir von nun an langfristig in einen Orientierungs-Modus (Stegmaier, 2008, 2020) eintreten, in dem wir nicht nur auf Sicht fahren und im Zustand von Ungewissheit pragmatisch Entscheidungen treffen (müssen), sondern immer auch wieder Innehalten sollten, um uns zu fragen, woran wir uns (eigentlich) orientieren wollen und wohin es gehen soll.   

Wandlungsfähigkeit und Beharrungsvermögen mehr: 

Raum-Zeit

Veröffentlicht am Posted in Raum&Zeit

Früher dachten die Kosmologen, Raum und Zeit seien Konstanten des Universums. Heute, nach den bahnbrechenden Erkenntnissen Einsteins, wissen wir, dass Raum und Zeit, physikalisch gesehen, keine fest stehenden Größen sind. Raum und Zeit bilden vielmehr ein sich wandelndes Raumzeit-Gebilde. In diesem Gebilde bewegen wir uns, wobei unsere Bewegungen das Gebilde (bzw. Die Bemessung von Zeit und Raum) selbst beeinflussen. Raum und Zeit verändern sich, aber auch unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit. Um Raumzeit-Gebilde besser zu verstehen, müssen wir das Gebilde als Ganzes in seinem Zusammenhang betrachten, wobei es auf die jeweilige Position und Bewegung eines Beobachters/Akteurs ankommt. Für jemanden in einer (gedachten) anderen Position oder mit einer anderen (gedachten) Bewegung passieren andere Dinge gleichzeitig. Daraus ergeben sich Unterschiede (vgl. Das berühmte Auto/Garagen Beispiel).

Noch komplexer wird die Sache, wenn wir berücksichtigen: es existiert eine ( A) beobachtbare, physikalische Raum-Zeit sowie ein (B) subjektives, menschliches Raum-und Zeitempfinden. (A) und (B) sind aneinander gekoppelt aber nicht identisch. Beide können sich sowohl dehnen als auch verkürzen.

Erinnern – die Vergegenwärtigung des Vergangenen im hier und jetzt

Veröffentlicht am Posted in Erinnern

„Mit fortschreitender Zeit verändert sich allerdings auch die Erinnerung und damit die Wahrnehmung, wie man früher war. Ich lerne in meinem Kopf alle zwei, drei Jahre neu einen Kerl kennen, von dem ich sicher bin, der sei ich mal gewesen„ (Kurt Kister, SZ, 30./31. März 2024, S. 41)

Die Vergangenheit ist unwiederbringlich verflossen, es gibt sie nur im gegenwärtigen Erinnern.

Woher kommen Macht und Gewalt?

Veröffentlicht am Posted in Grausamkeit, Krieg&Frieden, Macht&Missbrauch

Sind Gewehre mächtig?  Macht kommt aus dem Lauf der Gewehre, so heißt es. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Gewehre exekutieren nur die Idee der Macht, die sich durch Worte und Sätze in den Köpfen und Herzen der Menschen festsetzen und verbreitet. 

Sind Kugeln gewalttätig? Kugeln können zerstören, aber sie sind nicht gewalttätig. Gewalttätig können nur Menschen sein. 

Die gefährlichsten Waffen der Menschheit sind keine Gewehre oder Bomben,  sondern Worte und Sätze. Worte, die zu Sätzen und Ideologien zusammengefügt, die Herzen und Köpfe derjenigen steuern, die Waffen benutzen. 

Bereitschaft zum Frieden ist die einzige Option – Tikun Olam

Veröffentlicht am Posted in Grausamkeit, Konflikt&Lösung, Krieg&Frieden

Wie können wir in Sätze fassen, was in Worten nicht zu fassen ist? Schweigen wäre eine Option. Aber Schweigen ist ein Statement. Verstummen ist keine Option. 

Frieden ist die einzige Option, so heißt ein schmaler Band mit Essays und Reden von David Grossmann vor und nach dem 7. Oktober. Ich bewundere die Klarheit der Worte, mit denen der israelische Schriftsteller sagt, was gesagt werden kann und muss. Und ich erschrecke mit ihm. Israelis und Palästinenser befinden sich in einer tragischen Umklammerung, in der Hass und Gewalt immer nur mehr eskalieren. Es gibt Ideen für Lösungen, natürlich, aber niemand scheint sich den Weg dorthin wirklich vorstellen zu können. Nicht nach dem, was passiert ist. Oder doch?

Zweifellos gibt es, wie Grossmann schreibt, eine Hierarchie des Bösen, und die Hamas hat mit ihrem grausamen Überfall am 7. Oktober eine neue Dimension des Terrorismus eröffnet. Es gibt Videos, die niemand sehen, die man niemandem zeigen möchte. Killing fields, in Echtzeit mit webcams. „Die Gräueltaten dieser Tage sind nicht Israel zuzuschreiben. Sie gehen aufs Konto der Hammas. Wohl ist die Besatzung ein Verbrechen, aber hunderte von Zivilisten zu überwältigen, Kinder, Eltern, alte und kranke, und dann von einem zum anderen zu gehen und sie kaltblütig zu erschießen – das ist ein viel schwereres Verbrechen „(Grossmann, 2024, S. 43). Offensichtlich hat die Hamas den Gazastreifen mit Milliarden von Unterstützungsgeldern zu einer Angriffsfestung mit Tunneln, Waffenfabriken und Raketenabschussbasen unter Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten ausgebaut, mit dem Ziel, Israel zu vernichten und einen totalitären Gottesstaat in Palästina zu errichten. Dieses Ziel heiligt offenbar alle Mittel. Das eigene Volk wird als lebender Schutzschild missbraucht. Die Leiden der Kinder in diesem Krieg, die selbst in Bildern aus der Entfernung kaum zu ertragen sind, dienen der Hamas als moralische Munition für ihren Propagandakrieg. Die Geiseln sind weiterhin in ihrer Hand, und die Hamas schießt weiter Raketen auf Israel. Ein diabolischer, ein böser Plan, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Absurd, abwegig und gefährlich ist es, diese Art von grausamer Bösartigkeit zu ignorieren oder als Befreiungskampf zu bezeichnen. 

Und doch gefährdet in erster Linie die Politik der Netanjahu-Regierung und ihrer rechtsradikalen Unterstützer die Existenz Israels. Die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik im Westjordanland, der ultraorthodoxe Auserwähltheitswahn, der Rassismus, die Demütigung der Palästinenser, der Versuch, die Unabhängigkeit der Justiz abzuschaffen, all das schwächt den Staat Israel und seine Bestimmung als Heimstadt eines humanitären Judentums. „Dieses Land wurde preisgegeben – zu Gunsten eigener Interessen, zu Gunsten einer zynischen, schlafwandlerischen, unvernünftige Politik „(Grossman, 2024, S. 42).   

„Die Israelis und die Palästinenser“ schrieb Grossmann noch vor dem 7. Oktober „bekämpfen sich nun schon seit mehr als 100 Jahren. Man muss nicht Kassandra sein, um zu sehen und vorher zu sagen, welche Zerstörung dieser Konflikt über beide Seiten gebracht hat und noch bringen wird. Die ununterbrochene, blutige Auseinandersetzung hat die Beteiligten dermaßen deformiert, dass sie ihren eigenen existenziellen Interessen zuwiderhandeln. Ein von Hass, Angst und Misstrauen geprägtes Leben beengt die Seele und das Denken – und lässt die Fähigkeit verkümmern, sich aus der Falle zu retten. Wir dort unten führen kein Leben im echten Wortsinn, es ist vielmehr ein verzweifeltes Überleben von einer Katastrophe zur nächsten, von einem Krieg zum anderen. Der Verlust der Hoffnung hat bei israelischen und palästinensischen Bürgern gleichermaßen zu Apathie und Lähmung geführt. Beide Bevölkerungen sind zu Rohstoff in den Händen fanatischer, religiöser und nationalistischer Manipulatoren geworden, die extreme totalitäre Absichten hegen „(Grossman, 2024, S. 7). Israelis und Palästinenser, gekidnappt von den eigenen Fanatikern.

„Wer werden wir sein, wenn wir uns aus dem Staub erheben… Welche Art Mensch werden wir sein, wenn wir gesehen haben, was zu sehen war? „fragt Grossmann (ebd., S. 44). Diese Frage können wir uns auch selbst stellen. Es gibt eine Zeit nach dem Krieg? Wie wird unsere Welt dann aussehen, wer werden wir sein? Rückwärtsgewandter und gewaltbereiter? Vermutlich. Noch ist das ganze Ausmaß des angstgetriebenen Hasses und der ideologiegetriebenen Gewalt kaum abzuschätzen. Doch es wäre naiv, sich nicht darauf vorzubereiten. 

Was hält und trägt? Die Hoffnung, dass sich weltweit möglichst viele Menschen von Ideologien des Kampfes, des Hasses und der Gewalt nicht nur distanzieren, sondern aktiv friedliche und konstruktive Formen der Kooperation unterstützen, schützen und entwickeln.  

Rechte, linke und religiöse Fundamentalisten hingegen verherrlichen und feiern Feindschaft, Kampf und Gewalt. Die Entgrenzung von Gewalt und Grausamkeit gehört traditionell zum Programm. Sie ist und bleibt der Kern totalitärer Weltanschauungen. Das ist die Lehre von Ausschwitz, die sich im Massaker vom 7. Oktober ebenso wie in den Reaktionen auf dieses Massaker einmal mehr bestätigt. Im Schatten der Postmoderne marschieren die Truppen der Gegenaufklärung in traditionellen und neuen bunten Gewändern, doch die Grundidee, die Substanz, bleibt gleich: Kampf, Gewalt und Grausamkeit werden politisch gerechtfertigt und kulturell gefeiert. Auf den Schlachtfeldern, im Netz, im Hörsaal, auf der Sonnenallee, auf dem roten Teppich. Als wäre da nichts gewesen im 20. Jahrhundert. Als hätten wir nichts Besseres zu tun angesichts der Desaster, die wir als Spezies anrichten, und den Herausforderungen, die sich daraus ergeben. 

Zuversichtlich stimmen die vielen Hunderttausende, die jetzt gegen die aufkeimende Menschenverachtung auf die Straße gehen. Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die kapiert haben, was auf dem Spiel steht.

Die Vertreter von Freiheit und Aufklärung, von Völkerrecht und Menschenrechten sind überzeugt davon, dass moderne Gesellschaften im Inneren und untereinander Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und Probleme auf friedliche Art und Weise, durch kreative und konstruktive Kooperation, lösen können. Trotz unterschiedlicher Erfahrungen, Ansichten, Überzeugungen und Identifizierungen. Eine solche Lösungsstrategie erscheint mehr als vernünftig, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen. Es ist tatsächlich die einzige Option.

Die Ideologen der Gegenaufklärung hingegen schüren Hass und Gewaltbereitschaft. Immer geht es gegen irgendeinen „Feind“. Der Krieg war schon immer der Vater aller Dinge, rufen sie. Tötet sie, bevor sie uns töten. Kampfmüdigkeit und Unfähigkeit zu Grausamkeit seien nichts weiter als Zeichen von Dekadenz und Schwäche. Vom ewigen Faschismus (Umberto Eco) kann man nichts anderes erwarten. Von Gotteskriegern ebenfalls nicht. Aber auch der woke-linke, radikale Postkolonialismus kritisiert nicht die Logik und Gewalt des Kolonialismus und Imperialismus, er kehrt dessen Logik und Gewalt schlicht um, gegen die alten Herrschaften. Universalismus, allgemeine (!) Menschenrechte und Völkerrecht, dienen in dieser Perspektive der mentalen Knebelung und realen Unterdrückung des „globalen Südens“ – also weg damit! 

Es läuft auf einen ideologischen und kulturellen Kampf hinaus, wie Menschen mit Konflikten umgehen soll(t)en. Keine Ahnung, wie die Sache ausgeht. Du kannst nicht ausweichen, wenn dir Krieg aufgezwungen wird. Wenn es heißt Freiheit oder Unterwerfung bin ich für Kämpfen oder Flüchten. Gewinnen aber können wir nur, wenn wir den anderen zubilligen, was wir uns selbst wünschen. Man kann Waffen, Häuser und Landschaften zerstören und Menschen töten, nicht aber die Idee von Freiheit und Selbstbestimmung (schau nur mal, wo sie alle hin wollen, die jungen Menschen aus Russland, aus China, aus der Türkei, aus den arabischen Ländern, wie mutig sie waren und sind, am Tien an men, in Hongkong, in Aleppo, am Maidan, im Iran, bei der Beerdigung von Nawalny). 

 Doch wie viele Albträume erträgt der Mensch, ohne selbst zum Albtraum zu werden, für sich selbst und andere? Wie lange kannst du die Fähigkeit wach halten, die Verletzungen und Schmerzen deiner Gegner zu spüren und zu betrauern? Vielleicht kommt es genau darauf an, wenn du dich aus dem Staub erhebst.

Tikun Olam bezeichnet auf hebräisch unser „Streben und die Verpflichtung, unsere Welt besser zu machen“ (Grossman, 2024, S .59), und auch, wenn uns das viel zu selten gelingt, so glaube ich doch, dass uns diese Haltung lebendig hält. Die Zuversicht, die sich in diesem Streben ausdrückt, kann eine „Bewegung der Seele gegen die niederdrückende Schwerkraft der Verzweiflung“ (ebd.,S. 59) sein. Die Bereitschaft und Fähigkeit, Frieden zu schließen, scheint mir die einzig sinnvolle, in die Zukunft weisende Option,

Jan, 24.2.2024

Unsere Ideen machen den Unterschied (Bateson)

Veröffentlicht am Posted in Öko-systemische Perspektiven, Sinn&Hoffnung, Utopie&Wirklichkeit

„Die Erklärungswelt der Substanz 
kann keine Unterschiede und keine Ideen 
anführen, sondern nur Kräfte und Einflüsse. 
Und umgekehrt führt die Welt der Form 
und der Kommunikation keine Dinge, Kräfte 
oder Einflüsse an, sondern nur 
Unterschiede und Ideen. Ein Unterschied, 
der einen Unterschied macht, ist eine Idee“ 
(Ökologie des Geistes, Suhrkamp 1981, stw 571, S. 353)

Das Elend der Zensur und die Freiheit der Gedanken

Veröffentlicht am Posted in Freiheit&Begrenzung

Die Kulturrevolution vertrieb den gefeierten Dichter Ai Qing mit seinem Sohn, dem heute weltbekannten Künstler Ai Weiwei, nach Xinjiang in die Verbannung. Er hatte Schreibverbot und wurde gezwungen die Toiletten zu putzen. Jeden Tag kamen Parteikader, um Qing zu befragen, was in den Büchern stand oder gezeigt wurde. Die Inhalte waren für sie konterrevolutionär und inakzeptabel. Qing hatte Angst, sie könnten ihn umbringen. Zu seinem Sohn Weiwei sagte er: „ sie werden immer neue Fragen stellen. Der einzige Weg, dem ein Ende zu machen, ist, die Bücher zu verbrennen“. Also half der Kleine Weiwei dem Vater, und da die Bücher nicht im Ganzen brannten, riss Weiwei Seite für Seite aus den Büchern, um sie zu verbrennen. Auf diese Weise verstand er, wie wertvoll sie waren. Erst später wurde ihm klar, dass nicht die Bücher gefährlich waren, sondern der Kontakt mit ihren Inhalten. Umberto Eco hat darüber seinen berühmten Roman „Im Namen der Rose“ geschrieben. Nicht die Bücher sind gefährlich – die Bilder, Zeichen, Worte und Sätze, die in ihnen abgebildet sind -, sondern die Gedanken, die in den Köpfen der Menschen entstehen, wenn sie lesen oder Bilder betrachten. Daher ist jede Zensur auf die Dauer vergeblich, denn die Gedanken erheben sich aus der Asche, sie überleben die Brände, sie fliegen frei von Kopf zu Kopf und finden am Ende wieder einen symbolischen Ausdruck. Davon handeln die Werke Ai Weiweis.

Freiheit der Rede (Salman Rushdie)

Veröffentlicht am Posted in Freiheit&Begrenzung

Friedenspreises 2023…„Wir leben in einer Zeit, von der ich nicht geglaubt habe, sie erleben zu müssen, eine Zeit, in der die Freiheit – insbesondere die Meinungsfreiheit, ohne die es die Welt der Bücher nicht gäbe – auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzisstischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird, eine Zeit, in der sich Bildungseinrichtungen und Bibliotheken Zensur und Feindseligkeit ausgesetzt sehen; in der extremistische Religionen und bigotte Ideologien beginnen, in Lebensbereiche vorzudringen, in denen sie nichts zu suchen haben. Und es gibt sogar progressive Stimmen, die sich für eine neue Art von bien-pensant Zensur aussprechen, eine Zensur, die sich den Anschein des Tugendhaften gibt und die viele, vor allem junge Menschen, auch für eine Tugend halten. Von links wie rechts gerät die Freiheit also unter Druck, von den Jungen wie den Alten. Das hat es so bislang noch nicht gegeben und wird durch neue Kommunikationsformen wie das Internet noch komplizierter, da gut gemachte Webpages mitsamt ihren böswilligen Lügen gleich neben der Wahrheit stehen, weshalb es vielen Menschen schwerfällt, das eine vom anderen zu unterscheiden. Außerdem wird in unseren sozialen Medien Tag für Tag die Idee der Freiheit missbraucht, um dem Mob online das Feld zu überlassen, wovon die milliardenschweren Besitzer dieser Plattformen profitieren und was sie zunehmend in Kauf zu nehmen scheinen.

Was aber tun wir in Sachen Meinungsfreiheit, wenn sie auf derart vielfältige Weise missbraucht wird? Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann. Wir müssen sie erbittert verteidigen und sie so umfassend wie möglich definieren, was natürlich heißt, dass wir die freie Rede auch dann verteidigen, wenn sie uns beleidigt, da wir die Meinungsfreiheit sonst überhaupt nicht verteidigen würden. Verlegerinnen und Verleger gehören zu den wichtigsten Wächtern der Meinungsfreiheit. Danke für eure Arbeit und bitte, wenn dies überhaupt geht, dann macht sie noch besser, seid noch tapferer und lasst tausend und eine Stimme auf tausend und eine verschiedene Weisen sprechen.

Um es mit Cavafy zu sagen: »Die Barbaren kommen heute«; und ich weiß, Kunst ist die Antwort auf Philisterei, Zivilisation die Antwort auf Barbarei: In einem Kulturkrieg aber können Künstler und Künstlerinnen aller Art – Filmemacherinnen, Schauspieler, Sängerinnen und ja, die Ausübenden jener Kunst, die von den Buchmenschen der Welt Jahr für Jahr in Frankfurt versammelt werden, um sie zu fördern und zu feiern, diese alte Kunst des Buches – sie alle gemeinsam können die Barbaren noch von den Toren fernhalten.

Lesen und Freiheit

Veröffentlicht am Posted in Freiheit&Begrenzung

„Wer offenen Herzens liest, kann kein Freiheitsfeind sein“

Adam Soboczynski, Zeit v. 22. Juni 2023

Entsorgen – eine unverzichtbare Kultutechnik

Veröffentlicht am Posted in Entwicklungsräume, Erfüllendes Tun

Leben, erleben wir ein erfülltes oder ein vollgestelltes Leben?

„Fast alle Häuser und Wohnungen, die ich kenne, sind voll gestopft mit Dingen, zehntausend Gegenstände, die Wohnraum beanspruchen, beheizt und zwischendurch neu organisiert werden müssen, damit hinzukommende Dinge ebenfalls Platz beanspruchen können. Meist folgt dem Fehler, unnötiges angeschafft zu haben, der nächste Fehler: dass man sich von dem unnötigen nicht augenblicklich wieder trennt.“ (Arno Geiger, Das glückliche Geheimnis, S.143)

Wer zu sehr mit dem Anhäufen und der Organisation des Lebens – Alltag, Termine, Besitz, Konsum, Anerkennung, Macht – beschäftigt ist, dem schwindet das Gefühl der Erfüllung.

Erfüllung kommt aus dem freien Raum in dem wir unser Dasein kreativ gestalten können.

Wie im Leben die Funktion der materiellen Entsorgung besorgt werden muss, so gilt es auch, sich um die mentale und zwischenmenschliche Entsorgung zu kümmern. Beides sind unverzichtbare Kulturtechniken. Je nachhaltiger umso besser, denn von der Art der Entsorgung hängt ab, wie stark die Umgebung belastet, oder wie frei und offen der Raum der Möglichkeiten bleibt, egal ob es sich um Gegenstände, Gedanken oder Beziehungen handelt.

„Wer klug ist, befreit sich (nicht nur) so rasch es nur geht, von ungenutzt herumliegendem Besitz“ (Arno Geiger, S. 144), sondern ebenso von unnützem Gedankenmüll und unbearbeiteten Konflikten. „Denn es macht (nicht nur) einen Unterschied, zwischen welchen Dingen ich meinen Alltag verbringe“ (eben da), sondern auch, in welchem Beziehungsumfeld und in welcher Gedankenwelt ich mich bewege.

Es lohnt sich, sich immer wieder, für sich selbst und miteinander, zu entsorgen, um den Raum der Möglichkeiten offen zu halten.

Logik, Literatur und Psychologie (nach Arno Geiger)

Veröffentlicht am Posted in Entwicklung, Leib&Seele, über Schreiben

„Der Wille zur Logik in der Literatur ist nichts anderes als ein Vorurteil gegen das Leben“, schreibt Arno Geiger (Das glückliche Geheimnis, Seite 130).

Wie in der Literatur scheitert die Idee der Logik in der Psychologie am wahren Leben, denn unsere Psyche will und muss, wie das Leben, zufällig, irrational und widersprüchlich bleiben, um sich lebendig zu halten, während die Logik dem Streben der Mathematik folgt, zufallsfrei, rational und ohne Widersprüche zu sein.

Den Algorithmus des Lebens (er)finden zu wollen ist ein Widerspruch in sich.