Frieden ist ein großes Wort im Angesicht dieser Kriege

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Frieden ist ein großes Wort im Angesicht dieser Kriege
Gastbeitrag von Joana Osman, SZ, 30. September 2025, Die Schriftstellerin Joana Osman, Jahrgang 1982, ist Tochter eines Palästinensers und einer Deutschen. (Foto: Mica Zeiz)

Texte wie diesen schreibe ich nicht leichtfüßig und nie an einem Stück. Ich brauche lange, setze Wort für Wort vorsichtig wie Schritte auf unsicheren Boden. Jeder Satz kostet Kraft, weil ich weiß, wie schnell Sprache vereinnahmt werden kann. Besonders an Tagen wie diesen: Bald zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023, jenem Tag, der nicht nur das Leben zahlloser Menschen veränderte, sondern auch den Nahen Osten, Israel und Palästina – und weit darüber hinaus unsere Gegenwart. Nach der überraschenden Ankündigung aus Washington am Montag wächst nun eine leise Hoffnung auf ein Ende der Gewalt – wohlwissend, dass damit noch lange nicht von Frieden gesprochen werden kann, höchstens von einem (hoffentlich nicht nur vorübergehenden) Ende des Krieges. Echter Frieden ist ohne tiefgreifende politische Veränderungen nicht möglich, und davon ist in Donald Trumps Plan nichts zu sehen, denn der zielt eher auf eine Verwaltung des Elends ab.

Seit jenem Massaker der Hamas an Jüdinnen und Juden, das einen tiefen Riss durch unsere Gesellschaft gezogen hat, befindet sich Gaza in einem Massensterben. In den vergangenen Tagen, in denen im Hintergrund Diplomaten verhandelten, sprach das israelische Militär von einem breiten Bodeneinsatz „im Herzen von Gaza-Stadt“ – ein Euphemismus. Längst warnen internationale Organisationen nicht mehr nur, sie brüllen um Hilfe. Und sie zählen: Tote, Hungernde, Fliehende.

Nach UN-Angaben sind seit dem 7. Oktober über 63 700 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet worden; allein in der ersten Septemberwoche dieses Jahres waren es 571. Noch immer befinden sich 48 israelische Geiseln in Gaza. Israel geht davon aus, dass rund 20 von ihnen noch am Leben sein könnten. Ihre Chancen, die nächsten Tage, Wochen oder Monate zu überstehen, schwinden täglich – so wie die Überlebenschancen der Menschen im Gazastreifen, die unter Bomben, Hunger und Krankheit leiden. Unicef und WHO beschreiben die Zunahme der Unterernährung bei Kindern in einer Geschwindigkeit, die jedem Satz die Luft nimmt. Dass schnell etwas geschehen müsste, sehr schnell, erklärt sich von selbst – und natürlich könnte Trumps Deal Leben von Geiseln und Palästinensern retten.

Ich schreibe dies als Deutsch-Palästinenserin, und jeder dieser Sätze liegt mir wie Kies im Mund. In den vergangenen beiden Jahren wurde meine Identität zur Projektionsfläche: zwischen Fremdzuschreibungen, Erwartungshaltungen, Schuldzuweisungen. Ich verurteile das Massaker der Hamas – und ich verurteile eine Kriegsführung, die Zivilistinnen und Zivilisten massenhaft trifft und Hunger als Waffe einsetzt. Wer nicht beides zugleich verurteilen kann, hat sich gegen die Menschlichkeit entschieden. Es ist ein Krieg, gespeist aus einem toxischen Kreislauf von Rache und Vergeltung, der mit jeder Runde brutaler und verbrecherischer wurde. Inzwischen spricht eine UN-Kommission von Völkermord, Israel weist das zurück. Dass Juristinnen dieses Wort so deutlich in den Mund nehmen, sollte uns die Kehle zuschnüren – ganz egal, wo wir politisch stehen.

Die Verschiebung des Diskurses in Richtung Antihumanismus ist gesellschaftlicher und demokratischer Raubbau

Und doch reicht der Blick nicht nur nach Gaza. Auch andernorts brennt es: In den USA bastelt Trump an einer Autokratie. In der Ukraine tobt weiterhin der Krieg. Im Sudan eskaliert die Gewalt. Die Klimakrise verschärft alle Konflikte. Es ist, in einem Wort, eine Polykrise. Und viele von uns reagieren mit Müdigkeit und Rückzug – ein Zustand, der genau jenen dient, die spalten wollen.

Dabei wäre es gerade jetzt wichtiger denn je, wach und wachsam zu bleiben und, ja, auch wehrhaft. Wehrhaft gegenüber Hass und Hetze, gegenüber Intoleranz und Ignoranz. Denn die Verschiebung des Diskurses in Richtung Antihumanismus ist gesellschaftlicher und demokratischer Raubbau.

Vor mehr als zehn Jahren gründeten ein israelischer Grafikdesigner und ich eine Friedensbewegung, die Menschen aus dem gesamten Nahen Osten berührte: die Peace Factory. Einer unserer Slogans lautete: „Not ready to die in your war“. Israelis, Iranerinnen und Iraner, Palästinenserinnen und Palästinenser – zahlreiche Menschen schmückten ihre Facebook-Profilbilder mit diesem Slogan. Einige derer, die ich von damals kannte, sind heute nicht mehr am Leben, getötet in einem Krieg, den sie nicht wollten. Und während ich täglich meine Nachrichtenapps checke und verzweifelt versuche, mit Freunden und Bekannten aus Gaza, dem Westjordanland und Israel, aus Iran, Syrien und Libanon in Kontakt zu bleiben, wohlwissend, dass gerade meine palästinensischen Bekannten in höchster Lebensgefahr schweben – denke ich an den anderen Slogan, mit dem die Peace Factory viral ging: Ready to live in Peace.

In den vergangenen Jahren, spätestens seit Putins Überfall auf die Ukraine, haben wir viel über den Krieg gesprochen. Wir sprechen darüber, ob und wie und warum Krieg geführt werden muss oder nicht geführt werden soll. Wir sprechen über Verteidigung und den Wehretat. Wir sprechen über Verhältnismäßigkeit und Waffenlieferungen und wir sprechen in einer Art darüber, die in mir das Gefühl aufkommen lässt, dass wir alle uns längst auf eine bequeme, weil sehr theoretische Metaebene zurückgezogen haben, während das Leid der Menschen in Gaza und in der Ukraine unerträglich real ist.

Frieden schien ein (zu) großes Wort zu sein im Angesicht dieser Kriege. Und trotzdem müssen wir darüber sprechen, nicht trotz, sondern gerade im Angesicht der Kriege. Wir müssen über Frieden sprechen, damit der Krieg nicht gewinnt, uns als Gesellschaft nicht völlig korrumpiert. Auch wenn es sich komisch anfühlt: Wie leicht wird einem Naivität vorgehalten!

Und ja: Als Donald Trump am Montagabend vollmundig das Wort „Frieden“ in den Mund nahm, klang das für viele nach naiver Selbstüberschätzung. Ob er über die tiefere Bedeutung des Wortes nachgedacht hat, ist mehr als fraglich, denn seine Politik zielt in vielen Bereichen auf das genaue Gegenteil. Wie viele Menschen hat er eine falsche Vorstellung von „Frieden“. Denn Frieden, das ist nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg – wobei fürs Erste ein Waffenstillstand den Menschen in Gaza und Israel gerade schon mal sehr helfen würde. Doch genau das Beispiel des Nahostkonflikts zeigt ja: Gesellschaften können über kurze oder längere Zeitspannen „im Frieden“ leben – also ohne aktiv in einen Krieg eingebunden zu sein – und dennoch zutiefst unfriedlich sein.

Echter Frieden passiert nicht einfach so, wenn ein Krieg zu Ende geht

Die bloße Abwesenheit von Kampfhandlungen nennt man in der Fachsprache „negativen Frieden“. Es ist nicht mehr als ein Schweigen der Waffen. Echter, „positiver Frieden“ hingegen beinhaltet viel mehr: die aktive Beseitigung struktureller Gewalt wie etwa Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Dazu zählt auch die Beseitigung von kultureller Gewalt, also von gesellschaftlichen Haltungen und Normen, die Ungerechtigkeit und Ausgrenzung rechtfertigen oder fördern, wie etwa Rassismus oder Frauen- und LGBTQ*-Feindlichkeit.

Das zentrale Element des positiven Friedens ist also die Schaffung einer Gesellschaft, die auf gelebter Gerechtigkeit, sozialer und ökologischer Entwicklung, Freiheit und Demokratie basiert und die von allen Mitgliedern aktiv mitgestaltet wird. Damit ist echter, positiver Frieden nichts, was einfach so passiert, wenn ein Krieg zu Ende geht. Es ist vielmehr ein dynamischer Prozess. Man könnte auch sagen: Frieden ist ein Geisteszustand.

Natürlich können wir Kriege, etwa in Gaza, in der Ukraine oder im Sudan, nicht einfach von unseren Wohnzimmern aus beenden. Ebenso wenig können wir sie in Talkshows wegdiskutieren. Verbrechen gegen die Menschlichkeit lassen sich auch nicht durch „thoughts and prayers“ eliminieren. Aber wir können dafür sorgen, dass zumindest und zunächst unsere Gesellschaft eine friedlichere und gesündere wird. Und damit tragen wir indirekt dazu bei, dass auch andere Gesellschaften gesunden – denn eine Gesellschaft, die der Utopie des positiven Friedens zumindest in Teilen nahekommt, ist auch global sehr viel wirk- und handlungsmächtiger als eine, die sich in zersetzenden Grabenkämpfen und Scheindebatten verliert.

Es liegt also an uns, unsere Gesellschaft widerstandsfähiger gegen Hass, Hetze und Intoleranz zu machen – in drei Schritten: durch kompromisslose Klarheit im Benennen von Verbrechen und demokratiefeindlichen Ideologien, durch das konkrete Ausformulieren einer positiven Zukunftsvision für unsere Gesellschaft und schließlich durch aktive und internationale Vernetzung mit all jenen, die für Demokratie, Freiheit und Vielfalt einstehen.

Konkret sieht das so aus: Wir müssen lernen, Dinge beim Namen zu nennen – auch die Dinge, die uns schwer über die Lippen kommen. So müssen wir auch subtile Angriffe auf die Demokratie und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klar benennen, ohne etwas zu relativieren oder gar zu beschönigen, denn sonst würden wir in die Falle des Toleranzparadoxons fallen: Wer der Intoleranz zu lange mit bedingungsloser Toleranz begegnet, leistet ihr Vorschub – und wird irgendwann von ihr vereinnahmt.

Im zweiten Schritt sind wir gefordert, uns selbst klar dazu zu positionieren, wie wir künftig miteinander leben möchten. Spalterische Ideologien, die Ausgrenzung und Diskriminierung schüren, können wir nicht einfach verbieten, es reicht nicht einmal, nur ihre inhaltlichen Schwächen aufzuzeigen. Was wir brauchen, ist eine klare, positive und vor allem gemeinsame Vision einer starken und friedlichen Gesellschaft. Sprechen wir also nicht nur darüber, was in der Welt und in unserer Gesellschaft verkehrt läuft – sprechen wir auch darüber, was wir uns stattdessen wünschen.

Und schließlich müssen sich im dritten Schritt die Kräfte des Friedens vernetzen. Nicht nur regional oder überregional, sondern global. In jedem Winkel der Erde stehen Menschen für Frieden, Freiheit, Vielfalt: In Israel, wo Zehntausende für ein Ende des Krieges und Friedensgespräche auf die Straße gehen. In Gaza, wo mutige Frauen und Männer für einen Geiseldeal demonstrieren. In Iran bei der Freiheitsbewegung „Women, Life, Freedom“. Und in den zahlreichen Protestbewegungen für Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte überall auf der Welt: In den USA, in Georgien, in Russland und in vielen weiteren Ländern, in denen die Demokratie in akuter Gefahr ist – überall finden wir Menschen, die wie wir den Wunsch haben, einen echten, einen positiven Frieden zu gestalten und zu leben – genauso wie es überall Menschen gibt, die Demokratie, Vielfalt, Integration und Zusammenhalt zu torpedieren versuchen. Deren Narrativen von Hass und Ausgrenzung unsere Vision des positiven Friedens entgegenzusetzen, ist unsere dringlichste Aufgabe.

Frieden ist kein Deal, der man aushandelt, in dem man Freund wie Feind unter maximalem Druck zu Kompromissen nötigt, die in wenigen Wochen schon wieder bröckeln. Frieden ist kein fernes Ideal, das irgendwann am Ende aller Kriege auf uns wartet. Frieden ist eine Aufgabe, die uns hier und heute gestellt wird. Sie verlangt von uns Klarheit, Mut und die Bereitschaft, unsere humanitären und demokratischen Werte und Visionen gegen Zynismus, Intoleranz und Autoritarismus zu verteidigen. „Ready to live in Peace“ – dieser Satz klingt heute fast naiv. Und doch ist er vielleicht die radikalste – und zugleich hoffnungsvollste – Haltung, die wir einnehmen können: nicht bereit zu sein für den Krieg, aber jederzeit bereit für den Frieden. Auch und gerade in den Tagen rund um den 7. Oktober.

Joana Osman ist eine in München geborene deutsch-palästinensische Schriftstellerin und Dozentin. Sie studierte Amerikanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in München sowie Literacy Management in Freiburg und war 2012 Mitbegründerin der Friedensbewegung „The Peace Factory“.Bearbeiten

Transkulturelle Erfahrung China

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Zong de Ban. Zwischen 2012 und 2018 waren wir eingeladen als Teil eines deutsch-chinesischen Trainerteams (DCAP) systemische Familientherapie an der Tongji Universität in Shanghai und Paartherapie an der Peking Universität zu unterrichten. Wir begegneten aufgeschlossenen chinesischen Kolleg:innen voller Hoffnung und Neugier. Inhaltlich gab es in dieser Zeit für uns keinerlei fachliche Beschränkungen. Ich erlebte die Zusammenarbeit als produktive gegenseitige Irritation. Gleichzeitig veränderten sich die politischen Rahmenbedingungen radikal. Lea Sahay beschreibt diese Entwicklung in ihrem Buch Das Ende des chinesischen Traums sehr anschaulich. Auch für mich endete ein Traum (mehr dazu: Psychotherapie unterrichten in China – achte Thesen zur Kooperation). Was bleibt ist eine fantastische Erfahrung, meine Liebe zu Land und Leuten, Trauer und die Hoffnung auf Sicherheit und Freiheit für alle Menschen in China.

Der Machtantritt von XI beendete systematisch, Schritt für Schritt die Ära der pragmatischen Öffnung. Unter XI’s Führung restaurierte die KP ihre Macht und eine neue Ära des ideologischen Primats wurde eingeleitet, wie in den Zeiten Maos. Seither entwickelt sich das chinesische Regime zu einem totalitären Regime mit imperialem Gestus. Dazu will ich nicht schweigen.

Fakt ist: Menschenrechte und Freiheitsrechte werden massiv eingeschränkt und verletzt, Kritiker eingeschüchtert und „westliche Ideologien“ aktiv  bekämpft. Viele Chinesen sehnen sich nach Freiheit. Die KP baute die muslimische Region Xinjiang zu einem „Lagerstaat kulturrevolutionärer Prägung“ aus. Der pulsierenden Metropole Hongkong brach das Regime entgegen aller Abmachungen das demokratische Rückgrat. Hunderttausende flohen. Kritische europäische Intellektuelle und Parlamentarier werden in Europa bespitzelt, eingeschüchtert und bedroht. Ausländer in China können nach der neuen Gesetzgebung jederzeit im Gefängnis landen. Demokratische Werte (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, Zivilgesellschaft) werden offiziell als „verworrener Wahnsinn“ geschmäht. Patientenrechte, die eine authentische therapeutische Allianz erst ermöglichen, sind in China heute nicht ausreichend geschützt (siehe dazu: Zum Schutz des therapeutischen Raumes – Schweigepflicht und Datenschutz in Europa und China).

Einen Eindruck der trotz allem so wertvollen transkulturellen Erfahrung in China vermittelt der Bericht von Inge Liebel-Fryszer: 2013_Liebel-Fryszer_China

Fotoimpressionen ChinaBearbeiten

Der ewige Faschismus (Umberto Eco)

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 Umberto Eco, der große italienische Schriftsteller, Historiker und Philosoph, hat in seinem Essay „Der ewige Faschismus“* (1995) 14 Merkmale eines „Ur-Faschismus“ (oder ewigen Faschismus) beschrieben. Diese Merkmale sind keine strikte Definition, sondern dienen als Kriterien, um autoritäre und intolerante Tendenzen in verschiedenen politischen Formen und gesellschaftlichen Kontexten zu erkennen. Umberto Ecos Kriterien für den ewigen Faschismus zeigen, wie sich faschistoides Denken in verschiedenen Kontexten manifestieren kann, unabhängig von der jeweils besonderen Form und Verfasstheit totalitärer Gemeinschaften oder Staaten.

Umberto Ecos Kriterien für den „ewigen Faschismus“

1. Kult der Tradition

– Der ewige Faschismus basiert auf einer Rückbesinnung auf eine mythische Vergangenheit, die als goldenes Zeitalter glorifiziert wird. Tradition wird als unveränderlich und absolut dargestellt.

2. Ablehnung der Moderne

– Die Moderne, insbesondere die Aufklärung und ihre Werte wie Rationalität und Fortschritt, wird abgelehnt. Stattdessen wird ein irrationales Weltbild propagiert.

3. Kult der Handlung um der Handlung willen

– Handeln wird über Reflexion gestellt. Kritisches Denken wird als Schwäche angesehen, während impulsives Handeln als Tugend gilt.

4. Ablehnung von Kritik

– Jede Form von Kritik wird als Verrat betrachtet. Der ewige Faschismus duldet keine abweichenden Meinungen.

5. Angst vor Unterschieden

– Der ewige Faschismus fördert Intoleranz gegenüber allem, was als „anders“ wahrgenommen wird. Vielfalt wird als Bedrohung erlebt und dargestellt.

6. Appell an Frustration

– Der ewige Faschismus spricht Menschen an, die sich sozial, wirtschaftlich, politisch oder kulturell benachteiligt fühlen, und bietet ihnen einfache Feindbilder.

7. Obsession mit Verschwörungen

– Es wird eine ständige Bedrohung durch imaginäre Feinde konstruiert, oft in Form von Verschwörungstheorien.

8. Feindbild und Xenophobie

– Der ewige Faschismus benötigt einen Feind, um die eigene Identität zu stärken. Dieser Feind wird oft als fremd oder minderwertig dargestellt.

9. Leben als Kampf

– Das Leben wird als ständiger Kampf dargestellt, in dem nur die Stärksten überleben. Dies rechtfertigt Gewalt und Unterdrückung.

10. Elitismus und Verachtung der Schwachen

– Es wird ein elitäres Weltbild propagiert, in dem bestimmte Gruppen als überlegen und andere als minderwertig gelten. Alle Schwache wird verachtet.

11. Kult des Heldentums

– Heldentum wird glorifiziert, oft in Verbindung mit einem Todeskult. Der Held wird als Ideal dargestellt, bereit, für die Sache zu sterben.

12. Männlichkeitskult

– Der ewige Faschismus betont traditionelle Geschlechterrollen und propagiert einen Kult der Männlichkeit, während Frauen oft auf untergeordnete Rollen reduziert werden.

13. Populismus und selektive Demokratie

– Der ewige Faschismus nutzt populistische Rhetorik, um die Massen zu mobilisieren, lehnt jedoch echte demokratische Prozesse und Institutionen ab.

14. Vereinfachende Sprache und sprachliche Umkehr 

– Der ewige Faschismus verwendet eine vereinfachende, manipulative Sprache, die kritisches Denken unterdrückt und Emotionen anspricht. Oft werden Begriffe gekapert und in ihr Gegenteil verkehrt.  

Anerkennungsverluste*

Veröffentlicht am Posted in Krieg&Frieden, Macht&Missbrauch, Zweifel&Skepsis

(Wilhelm Heitmeyer)

Anerkennungsverluste gehen an die Substanz. Wenn Menschen Ihre Umgebung nicht mehr verstehen, wenn sie sich nicht mehr verstanden fühlen und sich von der Pluralität von Lebensentwürfen moderner Gesellschaften überfordert fühlen, kann das als Kontrollverlust erlebt werden. Dann ist die Sehnsucht nach Regression und Rückkehr zu „alten Zeiten“ nicht weit. Wenn, in Zeiten der Dauerkrise, die alten Zustände vor den Krisen nicht wieder herstellbar sind, führt das zu einem Vertrauensverlust in die politischen Systeme und die Eliten, die diese Systeme vertreten, und zum Rückzug (in eine „wutgetränkte Apathie“). In dieser Situation und in diesem Zustand sind Menschen offen für Verschwörungsideologien aller Art, und die Bereitschaft wird groß, einfachen Versprechungen und Parolen, wie diese Kontrolle wieder hergestellt werden könnte, zu folgen („Wir sind die Opfer..tötet die Feinde“). Ja, die Parole selbst, ruft oder brüllt man sie nur laut genug, wird bereits als Macht, als Rückeroberung von Kontrolle über die Kommunikation erlebt. Ein Einfallstor für Populisten aller Art (Maga), autoritäre Ideen, Nationalradikalismus und das, was Umberto Eco den „ewigen Faschismus“ nannte.

Wenn Menschen sich in ihren Lebensformen und kulturellen Präferenzen in der Öffentlichkeit und in den offizielle Medien nicht (mehr) angemessen repräsentiert sehen, führt dies in den entsprechenden Milieus zu Frustration, Ohnmacht und Wut, zu Gefühlen, die sich Kanäle suchen.

Anerkennungsverluste gehen an die Substanz der Person. Niemand kann ohne Anerkennung leben. Bestimmte Lebensformen – sowohl traditionell hergebrachte als auch alternativ experimentelle – bieten, insbesondere in Zeiten von Kontrollverlust, Stabilität und ein Gefühl von Geborgenheit. Die eingeforderte Konformität in homogenen Milieus (Hier pfeifen wir auf das gendern, oder hier nennt jede Person erstmal Geschlecht und Pronomen) wirkt dabei wie ein Schutzschild gegen die allgemeine Verunsicherung (früher war das mal der Name einer Band in Österreich). Und diese Schutzhülle, die Konformität, wird aggressiv gegen jede Irritation verteidigt, die als Bedrohung wahrgenommen wird.

Linke und rechte (woke und nichtwoke) Identitätsideologien wirken hier wie Brandbeschleuniger, da Identitätsideologien immer – über die Betonung bestimmter Merkmale – mit Ausgrenzungen (Othering) und Feindbildern arbeiten, was zur Nichtanerkennung des Differenten, Widersprüchlichen und Vielschichtigen, und schließlich zur Zerstörung von Kunst und Wissenschaft, Gesellschaft und Gemeinschaft führt.

Thomas Mann über Freiheit

Veröffentlicht am Posted in Freiheit&Begrenzung, Freiheit&Fantasie

“ Nichts ist naiver, als die Freiheit fröhlich moralisierend gegen den Despotismus auszuspielen, denn sie ist ein beängstigendes Problem, beängstigend in dem Maße, dass es sich fragt, ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“

Thomas Mann in einer Rede in Chicago 1950

Siri Hustvedt über Eliten

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13. Warum halten die meisten Amerikaner den Begriff »Elite« für etwas Schlechtes?

Als ich in einer Kleinstadt in Minnesota aufwuchs, waren mit Eliten Banker (sprichJuden), Stadtmenschen und Professoren gemeint, denen allesamt vorgeworfen wurde,rechtschaffene Nor­ malbürger herablassend zu behandeln. Dieses Gefühl gibt es nicht nur in den USA, aber die Wut der MAGA-Bewegung wird vom alten populistischen, antiin­ tellektuellen Treibstoff angetrieben. Auch Gott wird häufig beschworen: Wir· vertreten die Wahrheit. Dass ein Land viele verschiedene Arten von Menschen mit vielen verschiedenenGeschichten braucht, die viele verschiedene Dinge tun, darunter Menschen, die jahrelangin einem Labor gearbeitet oder Gedichte · geschrieben oder die einfach nur gelesen 1:1nd intensiv und leidenschaftlich darü­ ber nachgedacht haben, warum die Din­ ge so sind, wie sie sind, hat in MAGA­ Land keinen Platz, weil das bedeuten würde, Pluralismus, Unterschiede, ver­ schiedene Weltsichten und Unsicherheit zu akzeptieren. Es besteht kein Zweifel darandass·viele Menschen, die sich durch Geld, Bildung oder einfach nur Glück in der „Elite“ wiederfinden, genauso selbstgefallig, stur und von ihren zweifelhaften Wahrheiten überzeugt sind wie ihre Mitbürger mit den roten Kappen. Es-sind die Kategorien selbst, die verzerrt sind. Einfach nur gute Menschen gegen finstere, verschwörerische Eliten auszuspielen, mag zwar die Erleichterung verschaffen, die ein Sünden­ bock zu bieten hat, aber wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann, dass der Engel-Teufel-Dualismus nicht nur ge­fährlich, sondern auch tödlich ist.

Freiheit und Gemeinwohl

Veröffentlicht am Posted in Freiheit&Begrenzung

Die Freiheit des Einzelnen wird durch Gemeinschaften hervorgebracht und begrenzt. Die Freiheit der Einzelnen in einer Gemeinschaft zeigt sich in der Freiheit, etwas tun oder lassen zu können.

Souveränität zeigt sich in der Freiheit, eine unabhängige Entscheidung treffen zu können. Mobilität zeigt sich in der Freiheit, sich ohne Schaden für andere durch Raum und Zeit bewegen zu können. Realitätssinn zeigt sich in der Freiheit, die unbestreitbaren Tatsachen und Fakten so annehmen zu können, wie sie sind. Kreativität zeigt sich in der Freiheit, die Umgebung zum Nutzen aller passend gestalten zu können. Solidarität zeigt sich in der Freiheit, die gemeinsam geteilten Freiheiten aller mit Blick auf das Gemeinwohl zu gestalten.

Eine freie Person in einer freien Gemeinschaft wäre eine mobile Person, die mit Sinn für die Realitäten souveräne Entscheidungen trifft, um, mit Blick auf das Gemeinwohl und die Freiheiten aller, Umgebungen kreativ und solidarisch zu gestalten.

Persönliche und gemeinsame Verantwortung

Veröffentlicht am Posted in Gerechtigkeit, Verantwortung

Die Verantwortung Einzelner (Einheiten eines Systems, z.B. Menschen, Gemeinschaften, Organisationen, Nationen) für etwas (das geschieht, z.B. Gewalt, Erderwärmung) kann nur mit Hilfe einer eindeutigen Logik 1. Ordnung (Ursache-Wirkungs-Abfolgen) zugeordnet bzw. festgestellt werden. Auf dieser Logik basieren all die Rechtsordnungen- und Systeme, die uns (hoffentlich noch länger) schützen (Jemand der/eine Gruppe die einer anderen Person/einer anderen Gruppe Gewalt antut, ist für die Tat (sein Tun) verantwortlich, unabhängig davon, wie er (sie) zu dieser Tat gekommen ist (welch Umstände vielleicht dazu beigetragen haben)).

Die gemeinsame oder gemeinschaftliche Verantwortung für etwas, das geschieht, können wir hingegen nur mit Hilfe einer zirkulären Logik 2. Ordnung (komplexe Wechselwirkungen) erkennen und erfassen.

Welche Logik wir, so verstehe ich Linn Hoffmann, nutzen (sollten), beziehungsweise welche Logik Priorität haben sollte, hängt von den Kontexten ab. Wir können jedoch beide Perspektiven nutzen. Ein Beispiel: Für die Vertuschung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die bereits vor 40-50 Jahren eine Erderwärmung vorausgesagt haben, sind Gas- und Ölkonzerne (und die dort handelnden Personen) verantwortlich, nicht „wir“. Wir, die Homo sapiens, sind verantwortlich für die menschengemachte Erderwärmung und unsere Sorglosigkeit (wobei daran reiche Menschen in reichen Ländern erheblich mehr Anteil haben als arme Menschen in armen Ländern.) Wofür bin ich persönlich, wofür sind wir gemeinschaftlich verantwortlich?

Es bleibt die Erkenntnis, dass sowohl Logiken erster Ordnung, als auch Logiken zweiter Ordnung vom Beobachtersystem abhängig sind.

Genug – Radikal hoffen

Veröffentlicht am Posted in Sinn&Hoffnung

Genug. 

Unter diesem Motto demonstrierten am 1. September Hunderttausende Israelis. 

Wenn wir zu hoffen aufhören, geschieht, was wir befürchten, bestimmt, sagt Ernst Bloch.

Zu hoffen bedeutet, in Zeiten  der Verzweiflung den Mut aufzubringen, an eine andere Welt zu glauben. Wir sind zerstörerische und verletzliche Wesen. Unsere Verletzlichkeit wird nie enden, so viel ist sicher. Aber wir können in jedem Moment damit beginnen, über die Grenzen der eigenen Gruppe hinweg moralisch zu empfinden und ethisch zu handeln. Wir können uns weigern, irgendeinen Menschen danach zu beurteilen, welcher Gruppe er zufällig angehört.  Das ist nicht unmöglich, es gibt Beispiele. 

Eine Politik, der Hoffnung wäre getragen von diesem Gedanken und dieser Erfahrung. 

Wir sind auf die Zukunft bezogen, obwohl niemand mit Sicherheit die Zukunft voraussehen kann. Wer die Zukunft allein im Spiegel der  Vergangenheit betrachtet, bleibt in der Vergangenheit gefangen. Wer zu hoffen wagt, kann sich überraschen lassen. 

Genug.

Die Zukunft kann in der Gegenwart auftauchen wie eine Gestalt, die wir noch nicht kennen.  

 

4. September 2024, JB

Innehalten

Veröffentlicht am Posted in Erfüllendes Tun, Erkennen, Uncategorized

Unser Handeln ist immer von Beobachtungen begleitet. Wir handeln, andere handeln, wir handeln gemeinsam mit anderen, und wir und die anderen beobachten uns dabei. Doch jenseits von aktivem Handeln und Beobachten gibt es ein stilles Beobachten. Ich sitze in einem Konzert, höre Musik und beobachte meine Empfindungen. Ich sitze in einem Café, lege alles beiseite, die Zeitung, den Stift, und beobachte, wie Leute kommen und gehen, lasse meinem Geist und meinen Empfindungen freien Lauf und werde ganz ruhig und bemerke kaum, wie die Zeit vergeht.

Jenseits vom Getümmel der Welt, im Zustand des achtsamen Innehaltens und absichtslosen Leiseseins klärt sich der Geist von selbst und wird empfangsbereit.