Unsere Ideen machen den Unterschied (Bateson)

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„Die Erklärungswelt der Substanz 
kann keine Unterschiede und keine Ideen 
anführen, sondern nur Kräfte und Einflüsse. 
Und umgekehrt führt die Welt der Form 
und der Kommunikation keine Dinge, Kräfte 
oder Einflüsse an, sondern nur 
Unterschiede und Ideen. Ein Unterschied, 
der einen Unterschied macht, ist eine Idee“ 
(Ökologie des Geistes, Suhrkamp 1981, stw 571, S. 353)

Entwicklungsraum Erde

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Wie können wir die Corona-Krise angemessen verstehen und als Chance nutzen? In einem Beitrag für die SZ verdeutlichen die Wissenschaftler Christoph Rosol, Jürgen Renn und Robert Schlögl die Zusammenhänge zwischen Erderwärmung, Zerstörung der Artenvielfalt und gesundheitlichen Problemen. Wir gestalten die Entwicklungsräume, in denen wir uns bewegen selbst, durch die Art wie wir Beziehungen gestalten, zu uns selbst, zu anderen und zur Umgebung. Wenn es gut geht, entwickelt sich eine ökosystemische Wissenschaft, eine Art zu denken, wie es Gregory Bateson („Ökologie des Geistes“) vorgeführt hat.

Sinnlich erlebte Wirklichkeit

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Über Leben in Auschwitz (SZ.de vom 24. Januar 2020)

Ein bemerkenswerter Essay des Historikers Nikolaus Wachsmann über die Wirklichkeit des Lagerlebens, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Das ist auch theoretisch bemerkenswert: Die konkrete Beschreibung der sinnlich erlebten Erfahrung führt alle postmodernen Versuche, Wirklichkeiten im Ungefähren und Beliebigen aufzulösen, ad Absurdum. Sicher, wir können die Wirklichkeit nur subjektiv erfassen, daher es gibt viele „Wahrheiten“ und Interpretationen von Wirklichkeiten. Aber die konkreten Erzählungen all der Menschen, die Auschwitz erlebten, fügen sich zu einer Gesamtschau, zu einer Wirklichkeit der Tatsachen zusammen. Wir können Tatsachen (im Wittgensteinschen Sinn) leugnen oder uns mitfühlend einfühlen, aber wir können sie nicht auslöschen. Eine Theorie des Sozialen darf Menschen und ihre Emotionen nicht ausschließen. Eine Theorie des Zwischenmenschlichen sollte sowohl Menschen als handelnde Akteure zeigen als auch die Muster ihrer Kommunikationen und Beziehungen sichtbar machen. Vor allem muss sie uns in die Lage versetzen, unvoreingenommen und mitfühlend zu beobachten und zuzuhören, um sinnlich erlebte Wirklichkeiten aufzuheben und zu transformieren.

Mysteriöse Welten (Salman Rushdie)

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„Aber was mein Vater, der sich nie dem Gras hingab, an besonderer Stelle auf dem Sims aufbewahrte, war etwas viel Selteneres, etwas Legendäres, nahezu Okkultes. ‚Afghan Moon‘, sagte mein Vater. ‚Wenn du das nimmst, öffnet sich das dritte Auge in deiner Zirbeldrüse, mitten auf deiner Stirn, du wirst hellsichtig, und nur wenige Geheimnisse bleiben dir verschlossen.‘

‚Warum hast du es dann nie genommen‘, fragte ich.

‚Weil eine Welt ohne Mysterien wie ein Bild ohne Schatten ist‘, sagte er. ‚Du siehst zu viel, und es zeigt sich dir nichts‘.“

(Salman Rushdie, Golden House, S.42)

Murakami – zur Bedeutung narrativer Wirklichkeiten

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Große gesellschaftliche Umwälzungen erfordern – ganz gleich, in welchem Zeitalter – zu Ihre Unterstützung stets auch Verschiebungen in der narrativen Wirklichkeit.

Erzählliteratur existiert als natürliche Metapher der Realität, und die Menschen brauchen immer neue Geschichten, das heißt neue Metaphernsysteme, die in ihrem Inneren heimisch werden, damit sie mit den veränderten Umständen Ihrer Umgebung Schritt halten können und nicht abgeschüttelt werden. Indem wir die beiden Systeme (gesellschaftliche und metaphorische Realität) verknüpfen, mit anderen Worten, subjektive und objektive Welt ineinandergreifen und einander ergänzen lassen, können wir uns leichter in einer ungewissen Realität verorten und geistige Stabilität bewahren.

(Haruki Murakami (2015). Von Beruf Schriftsteller. Dumont. S. 219)

Vom Träumen

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Ein Traum ohne Wirklichkeit bedeutet mir ebenso wenig
wie reine Wirklichkeit ohne Traum
(Max Reinhard).

Was tun, wenn unsere Träume, die größeren oder die kleineren, sich auflösen? Der Traum Nelson Mandelas niedergetrampelt von Jacob Zuma. Die Träume der Befreiung zerbrochen in zahllosen Diktaturen. Die Träume der Erlösung ausgeblutet im Leiden. Der Traum vom Sieg der Liebe enthauptet von einer Machete. Dies könnte der Anfang einer schier endlosen Liste sein. Was also, wenn unsere Träume auf dem harten Pflaster der Realität zerplatzen. Wenn das weiträumige Träumen fast regelhaft ins Desaster führt – sollen, können, dürfen wir (noch) träumen? Was wird aus dem Geträumten? Wohin geht das Träumen?

Solange ich denken kann, war ich verträumt. Ich träumte im Gehen, beim Spielen, in der Schule, an der Uni, auf Wiesen, unter Wolken oder Plakaten, an Stränden, in Zügen. Einmal lief ich, ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein, mit offenen Augen träumend gegen einen Laternenpfahl. Man hatte mich Milch holen geschickt, die Milchkanne fiel mir aus der Hand und die Milch ergoß sich in den Rindstein. In der Realität angekommen rieb ich mir den Kopf und spürte, wie eine Beule schnell dicker wurde. Ich fürchte, ich bin keine gute Testperson für Behaviouristen, ich laufe immer wieder träumend gegen Pfähle und hole mir Beulen.

 Ich träume lesend, sprechend, schreibend, beim Schlendern durch Städte vergesse ich träumend die Zeit. Ich träume allein und gemeinsam mit anderen – manchmal träume ich noch, wenn die anderen schon längst weitergezogen sind. Ein vergessenes Kind am Strand, das, alles um sich herum vergessend, im Sand mit Steinen und Muscheln und Wassern spielt, träumend. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr zu träumen. Könnte ich nicht mehr träumen, fühlte ich mich lebendig begraben.

Doch was wird aus unseren Träumen, wenn wir versuchen, sie zu verwirklichen? Mit dieser Frage bin ich nicht allein. Amoz Oz stellt sie in seinem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (verfilmt von Natalie Wortmann). Hellsichtig, poetisch. Ein Teil stirbt beim Träumen, ein anderer Teil lebt weiter. Im Traum. Vielleicht.

 

 

Hegel – Zur Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit

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Mit Hegel können wir Widersprüchlichkeit als ein Grundprinzip alles Lebendigen verstehen:

 Etwas ist also lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten – anderenfalls geht es in dem Widerspruch zu Grunde (L II 76).

In ganz besonderem Maße gilt dieses Prinzip für die Sphäre des Denkens: „Das spekulative Denken besteht nur darin, dass das Denken den Widerspruch und in ihm sich selbst festhält“ (L II 76).

Der Widerspruch bestimmt so für Hegel die Struktur von logischer, natürlicher und geistiger Wirklichkeit überhaupt. Wie können wir die Phänomene der Welt in ihrem Zusammenhang, als Ganzes, entdecken und verstehen? Diese Frage führte den großen deutschen Philosophen Hegel zu einer Art des Denkens, die er Dialektik nannte. Dialektik, der Prozess der Widersprüchlichkeit, bezeichnet dabei sowohl die Methode des Denkens (des Nachdenkens über die Dinge), als auch das Prinzip, das den Dingen selbst innewohnt.

Im Denken Hegels spielen die sogenannten Reflexionsbestimmungen – „Identität“, „Unterschied“, „Widerspruch“ und „Grund“ – eine zentrale Rolle. Er analysiert die Reflexionsbestimmungen in ihrem Verhältnis zueinander und zeigt, dass ihnen in ihrer Isolierung gegeneinander keine Wahrheit zukommt, nur im Zusammenhang. Die bedeutendste Reflexionsbestimmung ist die des „Widerspruchs“. Hegel legt großen Wert darauf, dass der Widerspruch nicht wie bei Kant „in die subjektive Reflexion geschoben“ werden dürfe (L II 75). Dies würde eine „zu große Zärtlichkeit“ (L I 276) den Dingen gegenüber bedeuten. Vielmehr kommt der Widerspruch den Dingen selbst zu. Er ist „das Prinzip aller Selbstbewegung“ (L II 76) und deshalb in aller Bewegung vorhanden.

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