Die Ausbreitung des ewigen Faschismus
Demokratien kämpfen mit dem Rücken zur Wand. Ist dies schon Faschismus oder noch nicht? Oder gar etwas ganz Neues? Experten streiten, doch diese Debatten gehen am Kern der Sache vorbei, wenn man die Bedrohung der Demokratie und die globale Ausbreitung des ewigen Faschismus, die wir gegenwärtig beobachten, verstehen will.
Umberto Eco, der große italienische Schriftsteller, Historiker und Philosoph, hat in seinem Essay „Der ewige Faschismus“* (1995) 14 Merkmale eines „Ur-Faschismus“ (oder ewigen Faschismus) beschrieben. Diese Merkmale sind keine strikte Definition, sondern dienen als Kriterien, um autoritäre und intolerante Tendenzen in verschiedenen politischen Formen und gesellschaftlichen Kontexten zu erkennen. Umberto Ecos Kriterien für den ewigen Faschismus zeigen, wie sich faschistoides Denken in verschiedenen Kontexten manifestieren kann, unabhängig von der jeweils besonderen Form und Verfasstheit totalitärer Gemeinschaften oder Staaten.
Umberto Ecos Kriterien für den „ewigen Faschismus“
1. Kult der Tradition
– Der ewige Faschismus basiert auf einer Rückbesinnung auf eine mythische Vergangenheit, die als goldenes Zeitalter glorifiziert wird. Tradition wird als unveränderlich und absolut dargestellt.
2. Ablehnung der Moderne
– Die Moderne, insbesondere die Aufklärung und ihre Werte wie Rationalität und Fortschritt, wird abgelehnt. Stattdessen wird ein irrationales Weltbild propagiert.
3. Kult der Handlung um der Handlung willen
– Handeln wird über Reflexion gestellt. Kritisches Denken wird als Schwäche angesehen, während impulsives Handeln als Tugend gilt.
4. Ablehnung von Kritik
– Jede Form von Kritik wird als Verrat betrachtet. Der ewige Faschismus duldet keine abweichenden Meinungen.
5. Angst vor Unterschieden
– Der ewige Faschismus fördert Intoleranz gegenüber allem, was als „anders“ wahrgenommen wird. Vielfalt wird als Bedrohung erlebt und dargestellt.
6. Appell an Frustration
– Der ewige Faschismus spricht Menschen an, die sich sozial, wirtschaftlich, politisch oder kulturell benachteiligt fühlen, und bietet ihnen einfache Feindbilder.
7. Obsession mit Verschwörungen
– Es wird eine ständige Bedrohung durch imaginäre Feinde konstruiert, oft in Form von Verschwörungstheorien.
8. Feindbild und Xenophobie
– Der ewige Faschismus benötigt einen Feind, um die eigene Identität zu stärken. Dieser Feind wird oft als fremd oder minderwertig dargestellt.
9. Leben als Kampf
– Das Leben wird als ständiger Kampf dargestellt, in dem nur die Stärksten überleben. Dies rechtfertigt Gewalt und Unterdrückung.
10. Elitismus und Verachtung der Schwachen
– Es wird ein elitäres Weltbild propagiert, in dem bestimmte Gruppen als überlegen und andere als minderwertig gelten. Alle Schwache wird verachtet.
11. Kult des Heldentums
– Heldentum wird glorifiziert, oft in Verbindung mit einem Todeskult. Der Held wird als Ideal dargestellt, bereit, für die Sache zu sterben.
12. Männlichkeitskult
– Der ewige Faschismus betont traditionelle Geschlechterrollen und propagiert einen Kult der Männlichkeit, während Frauen oft auf untergeordnete Rollen reduziert werden.
13. Populismus und selektive Demokratie
– Der ewige Faschismus nutzt populistische Rhetorik, um die Massen zu mobilisieren, lehnt jedoch echte demokratische Prozesse und Institutionen ab.
14. Vereinfachende Sprache und sprachliche Umkehr
– Der ewige Faschismus verwendet eine vereinfachende, manipulative Sprache, die kritisches Denken unterdrückt und Emotionen anspricht. Oft werden Begriffe gekapert und in ihr Gegenteil verkehrt.