Ein systemisch-entwicklungsorientierter Rahmen für Therapie, Beratung und Supervision

Hinterm Horizont gehts weiter

Die Welt der Psychotherapie hat verschiedene Verfahren und Schulen und eine beeindruckende Vielfalt an Methoden und Techniken hervorgebracht. Ein kultureller Schatz und eine Quelle, aus der Berater/Therapeuten/-innen schöpfen können. In der konkreten Praxis jedenfalls ist ein breites methodisches Repertoire enorm nützlich. Aber Profis brauchen auch, wie alle lebenden Systeme, eine stabile Basis, um Vielfalt zu integrieren. Es ist gut, eine Heimat, eine sichere Homebase, zu haben, wenn man improvisieren will. Das ist beim Beraten, Therapieren oder Supervidieren nicht anders als beim Malen, Tanzen, Klavierspielen oder Singen. Eine solide Grundausbildung in einem oder mehreren Verfahren ist wertvoll. 

Wer jedoch verschiedene Richtungen und Schulen integrieren, wer Methoden und Techniken kombinieren und passend einsetzen  will - bezogen auf diese(n) Menschen, diese Situation - der muss die Begrenzungen einzelner Richtungen und Verfahren überschreiten und die vertrauten Ufer für eine Weile aus den Augen verlieren. Das Abenteuer der Innovation genießt nur, wer Ungewissheit riskiert. 

Das heißt keineswegs, Alles neu zu erfinden. Nimm mit, was du brauchst, was hilfreich sein könnte. Einfühlung, Zweifühlung, Mitgefühl,  Resonanzfähigkeit, interaktive Präsenz, aktives Zuhören, Dialogfähigkeit - all das muss ebensowenig neu erfunden werden wie das Rad. Die Grundeinstellung muss stimmen. Eine passende Haltung kann trainiert werden, und ein gut sortiertes methodisches Repertoire ist für jede Expedition hilfreich. Dann aber gilt es, in unbekannten Gebieten, in ungewohnten Situationen, in fremden Welten, dich und das Rad und die Anderen neu zu erfinden.

Neben Reiselust und Innovationsfreude gibt es gute fachliche Gründe, die Begrenzungen einzelner Verfahren zu überwinden. 

Lehrjahre

Meine ersten Erfahrungen sammelte ich an einer Beratungsstelle für Kinder, Eltern und Familien in Bremen, traditionell psychoanalytisch ausgerichtet, aber offen für neue Ideen. 1978 gehörte ich zu einem Team junger Kollegen/-innen, die eine neue Zweigstelle eröffneten. Im Großteam begleitete uns eine hohe fachliche Kompetenz, und wir hatten viel Zeit und Raum, um zu lernen und zu experimentieren. Traumhafte Lernbedingungen. Wir lasen Satir, Richter, Stierlin, und luden, das war neu, ganze Familien ein (mehr dazu in Bleckwedel, 2008, S.15ff).

Zentrale Anfangserfahrung

Einzelne Klienten, Familien und Paare, ihre Leiden und Probleme, die Situationen und die Kontexte, die Wünsche und Anliegen, die Vorstellungen über eine mögliche Zusammenarbeit - all das ist in der Praxis höchst unterschiedlich. Soll man die Klienten an eine Methode anpassen, sollen sie sich einer Richtung, einer Methode unterwerfen? Ich glaube, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Es geht darum, die Arbeitsweise, die Verfahren, die Methoden und Techniken, an die Klienten, ihre Anliegen und die jeweiligen Umstände anzupassen. Ein solches Vorgehen erfordert natürlich ein gewisses Maß an Passungssensibilität, Kreativität und Verhandlungsbereitschaft. In der Zusammenarbeit übernehmen die Therapeuten/-innen Verantwortung für die Rahmung, die Gestaltung und Steuerung des Prozesses. Selbstverständlich können sie sich auch einbringen, ihre fachliche Kompetenz, Gedanken, Deutungen, Ideen, Gefühle, wann und wo es passt, und sie können Vorschläge zum praktischen Vorgehen machen. Aber die jeweilige praktische Verfahrens-und Vorgehensweise wird verhandelbar - das macht den Unterschied (mehr dazu in Bleckwedel, 2008, S. 107-113).

Kontinuität einer Idealvorstellung

Diese Anfangsidee, die aus der praktischen Erfahrung so einleuchtend hervorgeht, hat mich seitdem begleitet und geleitet. Die Idee hat sich immer wieder bestätigt - in der Praxis, in Aus-und Weiterbildungen, in der theoretischen Auseinandersetzung, in der eigenen Lehrtätigkeit, in zahlreichen Supervisionen.

Die Idealvorstellung besteht letztlich darin, für jedes menschliche System, für jede Situation, eine eigene, besondere, angemessene und passende Beratungsform oder  Therapie zu "erfinden" (durchaus zusammengesetzt aus verschiedenen bekannten Elementen). Erst viel später habe ich gelernt, dass Milton Erikson mit der gleichen Idee operierte.

Eine übergeordnete Idee entwickeln 

Wer Verfahren und Methoden passend integrieren, wer Techniken situationsangemessen einsetzen und kombinieren will, der muss eine übergeordnete Idee, einen übergeordneten Rahmen entwickeln (Meta-Matrixen). Damit bin ich beschäftigt, in der praktischen Arbeit, in der Lehre, schreibend.

Die Stichworte für einen übergreifenden Ansatz, wie ich ihn verstehe, lauten: Konflikte bearbeiten und Lösungen erfinden, mehrdimensional beobachten und intervenieren, den Lieb als Körper-Geist-Seele-Einheit bewußt und aktiv miteinbeziehen (Embodiment), mit Emotionen in Sprache und Interaktion arbeiten, pragmatisch denken und systemisch handeln, Kreative Kooperation anregen.

Zentrale Perspektive Entwicklung 

Entwicklungspsychologie war mein Lieblingsfach, und das Interesse für Entwicklungsprozesse und Entwicklungsaspekte ist noch stärker geworden. Entwicklung ist mehr als Wachstum. Lebende Systeme (einzelne Menschen oder größere soziale Systeme) werden geboren, wachsen, werden mehr, werden weniger, schrumpfen, und sterben. Es erscheint mir sinnvoll und angemessen, als übergeordnete Perspektive eine konsequente Entwicklungsorientierung zu wählen. Eine Perspektive, die die Beobachtung, Begleitung und Unterstützung von Entwicklungsprozessen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Eine Perspektive, die so viele relevante Fragen produziert. 

Wie entwickeln sich lebende Systeme genau? Nach welchen grundlegenden Prinzipien? Wie können wir gemeinsame Entwicklungsprozesse (Ko-Evolution) besser verstehen und anregen? Wie haben sich einzelne Personen, Paare, Familien, soziale Systeme, Teams, Organisationen in ihrer jeweiligen Besonderheit entwickelt? Wie haben sich ihre Beziehungen (zu sich selbst, zueinander, zu relevanten Kontexten) entwickelt? Wo befinden sich Systeme, gerade jetzt, in ihrer Entwicklung? Wie könnte es weiter gehen? Welche Entwicklungsrichtungen wären möglich und sinnvoll (welche nicht), welche Entwicklungsmöglichkeiten gäbe es (welche nicht)? Welche Möglichkeitsräume - in der inneren Welt und in den äußeren Umgebungen - stehen zur Verfügung (welche nicht)? Wie können diese Möglichkeitsräume als Entwicklungsräume gestaltet werden? Welche Entwicklungsräume könnten geöffnet werden? Welche müssten neu erfunden werden?

Sehr vieles von dem, was Berater, Therapeuten und Supervisoren tun, bewegt sich in diesem Rahmen, kann in einem entwicklungsorientierten Rahmen gut beschrieben werden (ist das Couch-Setting nicht ein wunderbarer Entwicklungsraum für die Kommunikation mit dem Unbewußten? Ist die Bühne nicht ein toller Entwicklungsraum, um sich im Handeln auszuprobieren? usw.usf).

Richtungen, Verfahren und Schulen der Psychotherapie haben jeweils ganz eigene Begrifflichkeiten und Sprachen entwickelt. Vielfalt drückt sich auch in unterschiedlichen Sprachen, im unterschiedlichen Sprechen aus. Das ist gut - und schön. Die verschiedenen Dialekte sollten gepflegt werden, um sie zu erhalten. Aber für die Verständigung untereinander braucht man eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Rahmenvorstellung - immer vorausgesetzt, man wollte die engen Grenzen der eigenen Welt überwinden (Das Desinteresse und die fürchterliche Ignoranz, mit der wir alle geschlagen sind). Natürlich weckt die Vorstellung einer gemeinsamen Sprache berechtigte Ängste. In der Geschichte gingen solche Bestrebungen fast immer einher mit imperialen, elitären oder hegemonialen Ansprüchen, mit der brutalen oder still sich vollziehenden Auslöschen bereits vorhandener Sprachen. Eine gemeinsame Entwicklung in Vielfalt, das ist keine kleine Herausforderung. Aber warum sollten wir es nicht probieren?

Kreativität II. Ordnung - Entwicklungsräume gestalten 

In einer entwicklungsorientierten Perspektive geht es weniger darum, zu intervenieren (hineinzugehen, "einzumarschieren"), in ein System, in einen Raum. Es geht vielmehr darum, Türen und Fenster zu öffnen, Räume bereit zu stellen, einzurichten und zu gestalten. Entwicklungsräume. Während man in der üblichen Weise, gerne auch mit kreativen Methoden, arbeitet (ich nenne das Kreativität I.Ordnung), sucht man gemeinsam mit Klienten nach passenden Entwicklungsräumen (das nenne ich Kreativität II. Ordnung). Manchmal müssen Entwicklungsräume nur (wieder) entdeckt werden (ein Gesprächsraum, ein Garten der Lebendigkeit, eine Liebeslaube), manchmal müssen Entwicklungsräume neu erfunden und zum ersten Mal eingenommen, eingerichtet und gestaltet werden. Manchmal geht es auch darum, destruktive Räume (denn ja, die gibt es auch:  destruktive Konfliktfelder, unproduktive Kampffelder, no go areas, Schlachtfelder, Todeszonen, killing fields) zu verlassen, zu verkleinern, einzudämmen, zu befrieden, zu schließen. Dann öffnen sich Möglichkeitsräume, Entwicklungsräume, die gestaltet werden können. Oft geht es auch darum, einzelne Entwicklungsräume zu gemeinsamen Entwicklungsräumen zusammenzuschließen. Gemeinsame Entwicklung erfordert eine achtsame, raum-zeitliche Architektur, die Begrenzung und Austausch angemessen reguliert, um Fehlerfreundlichkeit zu erhalten. Menschliche Beziehungen sind Entwicklungsräume. Das ist die Idee. Damit arbeite ich, daran arbeite ich, darüber schreibe ich.

Literatur zum Weiterlesen:

Bleckwedel, J. (2006). Zur Diskussion. Jenseits von Richtungen und Schulen wartet die Vernunft. Psychotherapeuten Journal 4/2006 ab S. 377

Bleckwedel, J. (2008). Systemische Therapie in Aktion. Kreative Methoden in der Arbeit mit Familien und Paaren. 4. Auflage. V&R, Göttingen.

Bleckwedel, J. (in Arbeit). Die Menschliche Beziehung als Entwicklungsraum. Ein systemisch-entwicklungsorientierter Rahmen für Beratung, Therapie und Supervision.