Entwicklungsräume

Einfach kreativ werden und lebendig bleiben

Perspektiven einer entwicklungsorientierten systemischen Theorie und Praxis

In einer entwicklungsorientierten Perspektive gehen Konflikte und Lösungen permanent auseinander hervor.

Gemeinsam über Entwicklung nachzudenken kann aus Routinen befreien und Spielräume eröffnen.

Supervision als praktizierte Ethik begünstigt menschenfreundliche Lösungen.

 

Kreativität II. Ordnung

 Im Verlauf der Evolution erfanden Menschen immer komplexere Formen des Miteinanders, der Kooperation und emotionalen Abstimmung. Wir haben tatsächlich gelernt, unsere Beziehungen schöpferisch zu gestalten – zu uns selbst, untereinander und zur Welt. Das bedeutet nichts weniger, als dass wir die psychischen, sozialen und kulturellen Möglichkeitsräume, in denen wir uns bewegen und entwickeln, gemeinsam mit anderen erfinden und hervorbringen können. Diese Fähigkeit bezeichne ich als Kreativität II. Ordnung. 

Wir beschränken oder erweitern unsere Entwicklungsmöglichkeiten durch die Art, wie wir Beziehungen gestalten. Die Welt antwortet oder sie bleibt stumm, sie verengt sich oder sie erweitert sich, sie verschließt sich oder sie öffnet sich, je nach dem, wie wir Beziehungen gestalten; zu uns selbst, zu anderen, zu Objekten, zur natürlichen Umgebung, zu dem, was über uns hinaus weist.

 Hartmut Rosa (2016) hat unser subjektives In-der-Welt-sein in einem umfassenden soziologischen Entwurf als Resonanzbeziehung beschrieben. Diese Art der geistigen und seelischen Resonanz erleben wir besonders im Bereich des Zwischenmenschlichen.

 

Beziehungsgestaltung im Fokus

Lebendige Beziehungen sind nicht nur für jeden einzelnen Menschen enorm wichtig, sie sichern das Überleben als Spezies. Diese Erkenntnis ist weder neu noch originell. Sie spiegelt die Lebenserfahrung des Homo sapiens, gleich auf welchem Kontinent, in welcher Zeit oder Kultur. Gelingende menschliche Beziehungen sind von entscheidender Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt, für das Dasein jedes Einzelnen, für Entwicklung, Zufriedenheit, Wohlbefinden und Gesundheit. Menschen sind Beziehungswesen und auf Beziehungen angewiesen.

 Verschiedene Wissenschaftszweige und zahlreiche Untersuchungen bestätigen diese Erfahrung. Schon die berühmte Harvard-Studie zeigt: Lang andauernde gute Beziehungen mit hoher Qualität halten gesund und machen zufrieden. Leben heißt In-Beziehung-Sein, zu sich selbst, zu Anderen, zur Umgebung, zu etwas, das einem wichtig erscheint. Säuglingsforschung, Bindungsforschung, anthropologische und soziologische Studien und Neurobiologie untermauern diese Erkenntnis. 

 Es überrascht daher nicht, wenn die Psychotherapieforschung mit schöner Regelmäßigkeit vor allem eins zeigt: Die Qualität der therapeutischen Beziehung entscheidet über Erfolg oder Misserfolg einer Therapie. Die Qualität einer Beziehung entscheidet darüber, was sich in ihr ereignen kann. Es sind demnach nicht Methoden und Techniken, die wirken, sondern Therapeuten, die, gemeinsam mit ihren Klienten, eine therapeutische Beziehung so gestalten, dass Methoden und Techniken wirken können.  

Die Frage, wie Menschen Beziehungen kooperativ und kreativ gestalten können, steht daher nicht umsonst im Fokus der Psychotherapie. Zahlreiche Autoren haben über diese Frage in sehr unterschiedlicher Art und Weise nachgedacht, aber bei allen Kontroversen scheint es doch eine Gemeinsamkeit zu geben, nämlich die, menschliches Sein als bezogenes Sein zu begreifen. Wir existieren im Zusammenleben, im Austausch mit anderen. Diese Gemeinsamkeit können wir als Aufforderung verstehen, die engen Grenzen unterschiedlicher Fächer, Richtungen und Schulen in Theorie und Praxis zu überwinden, ohne besondere Identitäten aufzugeben oder Vielfalt einzuebnen.

 

Beziehungsentwicklung 

In der Praxis jedenfalls unterstützen, begleiten und gestalten Therapeuten/-innen und Berater/-innen aller Richtungen und Schulen die Entwicklung von Beziehungen. Dabei geht es sowohl um die Beziehungen nach innen, zu sich selbst, als auch um die Beziehungen nach Außen, zu bedeutungsvollen Gegenübern; Zwei Formen des Bezogenseins, die im menschlichen Dasein eine untrennbare Einheit bilden. 

In der konkreten Arbeit richten therapeutische Praktiker ihre Aufmerksamkeit auf vier Entwicklungsbereiche: a) Die Entwicklung der Beziehungsgestaltung von Klienten/-innen zu sich selbst b) Die Entwicklung der Beziehungsgestaltung in der therapeutischen Situation, c) Die Entwicklung der Beziehungsgestaltung zu anderen Menschen, und d) Die Entwicklung der Beziehungsgestaltung in Bereichen wie Arbeit, Kultur, Natur und Transzendenz. 

Die therapeutische Arbeit besteht nun darin, in einem oder in mehreren Bereichen Entwicklung anzuregen, zu unterstützen und zu begleiten. Jedenfalls ist dies die verbindende Idee, auf die sich meiner Erfahrung nach die meisten praktisch tätigen Berater/-innen und Therapeut/-innen einigen können, wenn es darum geht, in einer übergreifenden Perspektive zu verstehen, was wir tun – egal in welchen Settings oder Formaten, mit welche Methoden und Techniken, wie unsere persönliche Performance aussieht, oder in welche Sprachen oder Begrifflichkeit wir uns austauschen.

Es bleibt die Frage nach einem gemeinsamen Verständnis der Prozesse in der Welt menschlicher Beziehungen, in der wir uns alle bewegen. Mit welcher Vorstellung, in welchem theoretischen Bezugsrahmen erfassen, beobachten und verstehen wir die Welt menschlicher Beziehungen, jenes »Zwischenreich, in dem Individuen sich miteinander arrangieren, aufeinander einlassen und aneinander wachsen« (Dieter Thöma, ….)?

Praktiker interessieren sich verständlicherweise mehr für die unmittelbare Praxis, also die Frage was kann ich tun und wie wird es gemacht – doch irgendwann stellt uns die Praxis vor übergeordnete Fragen, und die Antworten auf diese Fragen organisieren als Vorstellungswelt, ob uns das bewusst wird oder nicht, unsere Wahrnehmung. Unsere Wahrnehmung aber bestimmt nicht nur die Art und Weise, wie wir uns in der Welt bewegen, sondern auch, wie wir, gemeinsam mit anderen, handelnd die Welt hervorbringen. Es sind zwei miteinander untrennbar verwobene Vorgänge, aus denen unser Weltbezug hervorgeht: Die Art, wie wir in unserem Bewusstsein die Welt konstruieren, und die Art, wie wir gemeinsam mit anderen soziale Wirklichkeiten gestalten. Die kritische Auseinandersetzung mit Vorstellungen und Theorien, die uns in der Praxis leiten und an die wir uns gewöhnt haben, ist also, je länger wir darüber nachdenken, keine rein akademische, sondern eine für die Praxis höchst bedeutungsvolle Angelegenheit, gerade wenn man neue Wege und Möglichkeiten entdecken will.

 

Entwicklungsräume gestalten

Wie können die an einem sozialen System beteiligten Akteure ihre Beziehungen zueinander so gestalten, dass sowohl die beteiligten Personen  als auch das soziale System, als auch die umgebenden Systeme, von denen ihr Überleben abhängt, sich entfalten und entwickeln können? Auf diese Frage gibt es keine einfachen, vorgefertigten Antworten, aber wenn es gelingt, in Bezug auf gemeinsame Entwicklung zu kooperieren, dann tun wir nichts anderes als das, was Menschen in der menschlichen Evolutionsgeschichte immer schon getan haben, nicht nur, um erfolgreich zu sein, sondern um Sinn zu erzeugen und Freude zu erleben.

Literatur 

Bleckwedel, J. (2008). Systemische Therapie in Aktion. Kreative Methoden in der Arbeit mit Familien und Paaren. 4. Auflage. V&R, Göttingen.

In Vorbereitung :  Menschliche Entwicklungsräume. Perspektiven einer entwicklungsorientierten systemischen Theorie und Praxis.

Zur Frage Was wirkt? auch unter Bleckwedel, J. (2006). Zur Diskussion. Jenseits von Richtungen und Schulen wartet die Vernunft. Psychotherapeuten Journal 4/2006 ab S. 377Bleckwedel, J. (in Arbeit).