Thomas Mann über Freiheit

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“ Nichts ist naiver, als die Freiheit fröhlich moralisierend gegen den Despotismus auszuspielen, denn sie ist ein beängstigendes Problem, beängstigend in dem Maße, dass es sich fragt, ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“

Thomas Mann in einer Rede in Chicago 1950

Freiheit und Gemeinwohl

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Die Freiheit des Einzelnen wird durch Gemeinschaften hervorgebracht und begrenzt. Die Freiheit der Einzelnen in einer Gemeinschaft zeigt sich in der Freiheit, etwas tun oder lassen zu können.

Souveränität zeigt sich in der Freiheit, eine unabhängige Entscheidung treffen zu können. Mobilität zeigt sich in der Freiheit, sich ohne Schaden für andere durch Raum und Zeit bewegen zu können. Realitätssinn zeigt sich in der Freiheit, die unbestreitbaren Tatsachen und Fakten so annehmen zu können, wie sie sind. Kreativität zeigt sich in der Freiheit, die Umgebung zum Nutzen aller passend gestalten zu können. Solidarität zeigt sich in der Freiheit, die gemeinsam geteilten Freiheiten aller mit Blick auf das Gemeinwohl zu gestalten.

Eine freie Person in einer freien Gemeinschaft wäre eine mobile Person, die mit Sinn für die Realitäten souveräne Entscheidungen trifft, um, mit Blick auf das Gemeinwohl und die Freiheiten aller, Umgebungen kreativ und solidarisch zu gestalten.

Das Elend der Zensur und die Freiheit der Gedanken

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Die Kulturrevolution vertrieb den gefeierten Dichter Ai Qing mit seinem Sohn, dem heute weltbekannten Künstler Ai Weiwei, nach Xinjiang in die Verbannung. Er hatte Schreibverbot und wurde gezwungen die Toiletten zu putzen. Jeden Tag kamen Parteikader, um Qing zu befragen, was in den Büchern stand oder gezeigt wurde. Die Inhalte waren für sie konterrevolutionär und inakzeptabel. Qing hatte Angst, sie könnten ihn umbringen. Zu seinem Sohn Weiwei sagte er: „ sie werden immer neue Fragen stellen. Der einzige Weg, dem ein Ende zu machen, ist, die Bücher zu verbrennen“. Also half der Kleine Weiwei dem Vater, und da die Bücher nicht im Ganzen brannten, riss Weiwei Seite für Seite aus den Büchern, um sie zu verbrennen. Auf diese Weise verstand er, wie wertvoll sie waren. Erst später wurde ihm klar, dass nicht die Bücher gefährlich waren, sondern der Kontakt mit ihren Inhalten. Umberto Eco hat darüber seinen berühmten Roman „Im Namen der Rose“ geschrieben. Nicht die Bücher sind gefährlich – die Bilder, Zeichen, Worte und Sätze, die in ihnen abgebildet sind -, sondern die Gedanken, die in den Köpfen der Menschen entstehen, wenn sie lesen oder Bilder betrachten. Daher ist jede Zensur auf die Dauer vergeblich, denn die Gedanken erheben sich aus der Asche, sie überleben die Brände, sie fliegen frei von Kopf zu Kopf und finden am Ende wieder einen symbolischen Ausdruck. Davon handeln die Werke Ai Weiweis.

Freiheit der Rede (Salman Rushdie)

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Friedenspreises 2023…„Wir leben in einer Zeit, von der ich nicht geglaubt habe, sie erleben zu müssen, eine Zeit, in der die Freiheit – insbesondere die Meinungsfreiheit, ohne die es die Welt der Bücher nicht gäbe – auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzisstischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird, eine Zeit, in der sich Bildungseinrichtungen und Bibliotheken Zensur und Feindseligkeit ausgesetzt sehen; in der extremistische Religionen und bigotte Ideologien beginnen, in Lebensbereiche vorzudringen, in denen sie nichts zu suchen haben. Und es gibt sogar progressive Stimmen, die sich für eine neue Art von bien-pensant Zensur aussprechen, eine Zensur, die sich den Anschein des Tugendhaften gibt und die viele, vor allem junge Menschen, auch für eine Tugend halten. Von links wie rechts gerät die Freiheit also unter Druck, von den Jungen wie den Alten. Das hat es so bislang noch nicht gegeben und wird durch neue Kommunikationsformen wie das Internet noch komplizierter, da gut gemachte Webpages mitsamt ihren böswilligen Lügen gleich neben der Wahrheit stehen, weshalb es vielen Menschen schwerfällt, das eine vom anderen zu unterscheiden. Außerdem wird in unseren sozialen Medien Tag für Tag die Idee der Freiheit missbraucht, um dem Mob online das Feld zu überlassen, wovon die milliardenschweren Besitzer dieser Plattformen profitieren und was sie zunehmend in Kauf zu nehmen scheinen.

Was aber tun wir in Sachen Meinungsfreiheit, wenn sie auf derart vielfältige Weise missbraucht wird? Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann. Wir müssen sie erbittert verteidigen und sie so umfassend wie möglich definieren, was natürlich heißt, dass wir die freie Rede auch dann verteidigen, wenn sie uns beleidigt, da wir die Meinungsfreiheit sonst überhaupt nicht verteidigen würden. Verlegerinnen und Verleger gehören zu den wichtigsten Wächtern der Meinungsfreiheit. Danke für eure Arbeit und bitte, wenn dies überhaupt geht, dann macht sie noch besser, seid noch tapferer und lasst tausend und eine Stimme auf tausend und eine verschiedene Weisen sprechen.

Um es mit Cavafy zu sagen: »Die Barbaren kommen heute«; und ich weiß, Kunst ist die Antwort auf Philisterei, Zivilisation die Antwort auf Barbarei: In einem Kulturkrieg aber können Künstler und Künstlerinnen aller Art – Filmemacherinnen, Schauspieler, Sängerinnen und ja, die Ausübenden jener Kunst, die von den Buchmenschen der Welt Jahr für Jahr in Frankfurt versammelt werden, um sie zu fördern und zu feiern, diese alte Kunst des Buches – sie alle gemeinsam können die Barbaren noch von den Toren fernhalten.

Lesen und Freiheit

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„Wer offenen Herzens liest, kann kein Freiheitsfeind sein“

Adam Soboczynski, Zeit v. 22. Juni 2023

Freiheit der Kritik

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Mitten im zweiten Weltkrieg, 1942, gaben Time und Enzyklopädia Britannica mehr als 200.000 $ aus, um den Zustand und die Zukunft der Presse zu untersuchen. 1946 erschien der Bericht, in ihm heißt es:

„Wir empfehlen, dass die Angehörigen der Presse sich in intensiver gegenseitiger Kritik üben. Ein hoher professioneller Standard wird kaum erreicht werden, solange die Fehler und Irrtümer, die Betrügereien und Verbrechen einzelner Pressevertreter von anderen Mitgliedern des Berufsstandes schweigend übergangen werden. Wenn die Presse rechenschaftspflichtig sein soll – und das muss sie sein, wenn sie weiterhin frei bleiben soll – müssen sich ihre Mitglieder gegenseitig mit dem einzigen Mittel disziplinieren, welches Ihnen zur Verfügung steht, nämlich der öffentlichen Kritik.

Menschenrechte – Menschenpflichten

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Garantiert eine Gemeinschaft individuelle Rechte, dann ergeben sich daraus auf Seiten der Individuen  Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft.

Die Würde des einzelnen Menschen bleibt unantastbar, selbst wenn eine Person ihren Verpflichtungen
gegenüber der Gemeinschaft nicht gerecht wird. Daher bleibt dem Mensch (in der Demokratie) immer das Recht, seine Rechte vor einem unabhängigen Gericht zu vertreten und einzuklagen.

Moralisch gesehen kann aber nur der Rechte, die von einer Gemeinschaft garantiert werden, einfordern, der versucht, seinen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft nachzukommen.

Die Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft besteht darin, eben jene Rahmenbedingungen zu erhalten, die die individuellen Rechte und die Menschenwürde garantieren.

(Mehr dazu bei Charles Taylor, 2001: Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie).

Kränkungs-Toleranz (Ludwig Marcuse)

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Toleranz mag weder Zeigefinger noch Gesinnungsterror:

„Toleranz heißt: seine heiligen Gefühle nicht profanieren zu einer Bevormundung des Nebenmenschen. Man zweifelt doch sehr an der Heiligkeit von Gefühlen, die sich weniger in einem beseligenden Glauben äußern als im Hass gegen die Manifestationen der Ungläubigen“

(Ludwig Marcuse)

Plus: „Die Privilegien im Anstoßnehmen müssen endlich aufhören“

 

Selbstakzeptanz bedeutet Entwicklung

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Wir leben entspannter mit einem guten Kontakt zu unseren Schattenseiten, Schwächen und Ängsten. In sicheren Situationen und wertgeschätzt können wir sie anschauen und werden ruhiger. Gebundene Energie wird frei – Angst liefert Energie, das ist ihre überlebenswichtige Funktion – und wir entwickeln mehr Toleranz für uns selbst, für andere, für Ambiguität, das Aushalten offener Fragen und Situationen.

Selbstakzeptanz statt Selbstoptimierung (Willi Butollo).

Die Sehnsucht nach Freiheit gehört zu uns wie der aufrechte Gang

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Von weiter weg sehen wir einen blauen Planeten, der von einer hauchdünnen Schutzschicht eingehüllt wird. Ohne  Atmosphäre, ohne Sauerstoff, könnten menschliche Wesen nicht überleben. Zum guten Leben brauchen wir aber, wie die Luft zum Atmen, Freiheit. Die Sehnsucht nach Freiheit gehört zu uns wie der aufrechte Gang. (mehr …)